30 – das haftende
Mai 2011: Die Nutzerin stellt eine dritte Frage: “Wie komme ich da raus?” Die Antwort des I Gings lautet 30 – das Haftende. (Zur Ergänzung: Frage 1 “In welcher Situation befinde ich mich?” ergibt Zeichen 12 – die Stockung; Frage 2 “Was hat es [meine Situation] Gutes und wie geht es weiter?” ergab Zeichen 20 – die Betrachtung).
Das Zeichen 30 – das Haftende zeigt zweimal das Trigramm Li (Feuer). Neben der Bezeichnung Feuer hat Li einen weiteren Namen, der hier zum Namen des gesamten Zeichens wird: das Haftende. Dieser Name erklärt sich aus der Eigenschaft des Feuers, seinem Träger anzuhaften während es ihn verbrennt.
In no2DO assoziiere ich Li mit dem Dünndarm, der in den klassischen Texten der chinesischen Medizin als das Organ beschrieben wird, das das “Klare” (= das, was uns dienlich ist) vom “Unklaren” (= das was uns nicht dienlich ist) trennt. Diese Fähigkeit bezieht sich dabei nicht nur auf Materielles, sondern schließt auch die geistige Ebene mit ein. (Zitate zum Funktionskreis → Dünndarm)
Wie kommt die Nutzerin also aus ihrer Situation wieder heraus? (Wir erinnern uns, es ging u. a. darum, sich gegen traditionelle Bewertungskriterien abzugrenzen, die sie aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung zwar bereits in Frage stellt, jedoch in ihrer persönlichen Selbsteinschätzung immer noch berücksichtigt.)
Das Hexagramm 30 – das Haftende beginnt mit Li, unserem klaren Intellekt, der unterscheiden kann zwischen dem, was uns dienlich ist und dem, was unsere Existenz unnötig belastet. Diese Differenzierung und Klärung ist sehr hilfreich, wenn es darum geht, z. B. die eigenen Denkweisen zu überprüfen. Welche Gedanken und Urteile machen mich stark? Welche Gedanken und Urteile schwächen mich? Es sind leider nur zu oft die Stimmen unseres eigenen Inneren, die unseren Seelenfrieden stören und/oder unser Vorankommen hindern.
Das Resultat dieser Befragung können wir anschließend wie einen Kompass für unser weiteres Wachstum nutzen: Sun, (Wind/Baum; erstes Kernzeichen) steht für ein sanftes, doch unerbittliches Vorwärtsdrängen auf dem ureigenen, perfekten Weg, der, wie eine Blaupause, von Anfang an vorgezeichnet ist. Im Fall der Nutzerin würde es vielleicht bedeuten, ganz konkret solche Gedanken und Wertmaßstäbe loszulassen, die sie schwächen, während sie dienliche Denkmuster betont und sich so selbst in ihrem eigenen Wachstumsprozess stärkt.
Sun wandelt sich in der Folge zum zweiten Kernzeichen Dui (der See). Dui repräsentiert die Öffnung vom Innen ins Außen. Es erlaubt dem Außen/der Umwelt, nach Innen zu dringen und Inneren, sich nach Außen hin auszudrücken. Der sichere Schutzraum des reinen Innen wird hier gelockert und neue, frische Impulse aus der Umwelt dringen zu uns durch, sind Inspiration, Feedback und Realitätscheck für das eigene Weltbild.
Speziell dieser Realitätscheck ist wichtig, denn Li repräsentiert zwar jene Instanz unseres Selbst, die die Welt unterscheiden kann – doch sie ist wie wir menschlich, unperfekt, und kann sich sehr wohl irren.
Jede wirklich tiefe Erkenntnis hingegen ist das Ergebnis eines langen Prozesses, eines wahrhaftigen Anhaftens an der Realität, die wieder und wieder geprüft wird um Unterscheidungsfehler aufzudecken. Und so endet das Hexagramm 30 – das Haftende mit Li: erneuter Prüfung.
Dezember 2010: Erkennen, “das Feuer”, erwächst aus einer offenen Begegnung mit unserer Umwelt, denn diese ist unser Spiegel, in dem wir bereits Bekanntes und neue Erfahrungen miteinander abgleichen.
Unsere Umwelt funktioniert beim Erkennen als Lernumfeld, durch das wir Erkenntnis über uns selbst gewinnen, ohne dass wir zum direkten Eingreifen aufgefordert sind. Manchmal ist dieser Spiegel gnadenlos und führt uns jede Verstricktheit, Gebundenheit oder Anhaftung plastisch vor Augen – doch es nützt nichts, den Spiegel zu zerschlagen (= aktiv auf das “störende” Umfeld einzuwirken). Besser ist es, Schlussfolgerungen über die eigene innere Verfassung zu ziehen, denn nur dort können wir wirklich etwas verändern, alles andere wäre Symptombehandlung.
Innere und äußere Welt spiegeln einander. Diese Erkenntnisarbeit ist ein kontinuierlicher Prozess im Wechselspiel zwischen analytischem Denken und intuitiver Einsicht. An ihrem Ende steht unser Frieden mit der Welt.
Die aktuelle Interpretation finden Sie hier: http://www.no2do.com/hexagramme/787787.htm
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