{"id":81,"date":"2019-08-05T17:06:00","date_gmt":"2019-08-05T15:06:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.no2do.com\/synopse\/?p=81"},"modified":"2025-07-07T17:33:44","modified_gmt":"2025-07-07T15:33:44","slug":"25-die-unschuld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.no2do.com\/synopse\/archives\/81","title":{"rendered":"25 &#8211; die unschuld"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full has-lightbox\"><a href=\"https:\/\/www.no2do.com\/hexagramme\/788777.htm\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"336\" src=\"https:\/\/www.no2do.com\/synopse\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/788777.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-10274\" srcset=\"https:\/\/www.no2do.com\/synopse\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/788777.png 200w, https:\/\/www.no2do.com\/synopse\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/788777-179x300.png 179w, https:\/\/www.no2do.com\/synopse\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/788777-89x150.png 89w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 85vw, 200px\"><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>&#28961;&#22916; w&uacute; w&agrave;ng &ndash; ein japanischer Freund sagte mir k&uuml;rzlich, dass das erste der beiden Schriftzeichen des chinesischen Namens von <a href=\"https:\/\/www.no2do.com\/synopse\/glossar\/hexagramm\" target=\"_self\" title=\"Ein Hexagramm setzt sich aus jeweils zwei Trigrammen zusammen, wobei die Bewegung, &auml;hnlich dem Wachstum einer Pflanze, von unten nach oben verl&auml;uft: das Hexagramm wird von unten her aufgebaut (z. B. bei der Divination\/beim Orakel) und sp&auml;ter auch entsprechend gelesen. Weiterlesen: Aufbau eines Hexagramms Weiterlesen: &Uuml;bersichtsseite Hexagramme\" class=\"encyclopedia\">Hexagramm<\/a><em> 25 &ndash; die Unschuld<\/em> so viel wie &bdquo;Rei&szlig;zahn eines Tigers&ldquo; bedeutete und das zweite Zeichen &bdquo;loslassen&ldquo;. Ein chinesischer Freund meinte, das seien beides klassische Schriftzeichen, und daher auch f&uuml;r ihn nicht eindeutig lesbar. Kein Wunder, die Japaner haben die Schriftzeichen des klassischen Chinesisch &uuml;bernommen und verwenden sie bis heute, w&auml;hrend die Chinesen zur modernen chinesischen Schrift &uuml;bergegangen sind und daher die alten Schriftzeichen meist nicht mehr lesen k&ouml;nnen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wird man also unschuldig, wenn man seine Tigerz&auml;hne losl&auml;sst? Sp&auml;ter erfahre ich aus einer anderen Quelle, dass &#28961;&#22916; w&uacute; w&agrave;ng h&auml;ufig mit &bdquo;Unschuld&ldquo; oder das Ungeplante &uuml;bersetzt wird, und zwar im Sinne von &bdquo;nicht fehlgeleitet&ldquo;, &bdquo;nicht wahnhaft&ldquo;, &bdquo;nicht willentlich konstruiert&ldquo;. Verbindet man diese &Uuml;bersetzung mit der Vorstellung, dass man unschuldig wird, indem man seine Tigerz&auml;hne losl&auml;sst, so ergibt sich daraus eine eigent&uuml;mliche, fast paradoxe Form von Reinheit. Eine Reinheit, die kein Urzustand kindlicher Naivit&auml;t ist, sondern das Ergebnis einer bewussten, ethischen Entscheidung: der Entscheidung, die eigenen aggressiven, narzisstischen, egozentrischen Impulse loszulassen, die das soziale Miteinander bedrohen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber ist nun mit den <em>Tigerz&auml;hnen<\/em> gemeint? Sie sind jedenfalls kein Zeichen einer wie auch immer gearteten individuellen Schuld im moralischen Sinne &ndash; denn diese setzt einen freien Willen voraus. Tigerz&auml;hne aber sind nicht das Ergebnis einer Entscheidung, sondern sie sind eine Gegebenheit &ndash; eine <em>conditio humana<\/em>. Sie geh&ouml;ren zu unserer menschlichen Natur, wir kommen mit ihnen auf die Welt wie mit unserer Triebstruktur, unserem Narzissmus etc. Insofern ist der Begriff <em>Unschuld<\/em> als &Uuml;bersetzung &Uuml;bersetzung f&uuml;r das was mit &#28961;&#22916; w&uacute; w&agrave;ng gemeint ist vielleicht irref&uuml;hrend, denn <em>Unschuld<\/em> setzt <em>Schuld<\/em> voraus. Aber die Tigerz&auml;hne sind nichts, was wir frei gew&auml;hlt haben, sie sind Teil unseres Menschseins.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn wir nun unsere Tigerz&auml;hne loslassen, befreien wir uns auch nicht von irgendeiner <em>Schuld<\/em>. Vielmehr lassen wir etwas Rohes, Ungez&auml;hmtes zur&uuml;ck. <em>Verfeinerung<\/em> oder <em>Sublimierung<\/em> w&auml;ren vielleicht passendere Begriffe um das zu beschreiben, was mit &#28961;&#22916; w&uacute; w&agrave;ng gemeint ist. Denn es geht um einen Wandlungsprozess, in dem das Nat&uuml;rliche nicht verleugnet, sondern &uuml;berformt wird &ndash; nicht unbedingt in etwas Sanftes, aber sicherlich in etwas Durchl&auml;ssigeres, Ethischeres, dem menschlichen Zusammenleben Angemesseneres.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading hexagrammseiten\">Fragestellungen zu Hexagramm 25<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Ein Nutzer schreibt: &bdquo;Nach einem unangenehmen Ereignis vor einigen Monaten befinde ich mich mehr oder weniger in einer Art Krise. Ich habe mein Leben im Griff und komme einigerma&szlig;en klar, aber emotional bin ich immer noch sehr aufgew&uuml;hlt. So gut es geht versuche ich seither zu verstehen, was da eigentlich passiert ist &ndash; auch mit Hilfe des <a href=\"https:\/\/www.no2do.com\/synopse\/glossar\/i-ging\" target=\"_self\" title='Das I Ging (chin. &#63968;&#32147;, y&igrave; jing, W.-G. I Ching, auch: I Jing, Yi Ching, Yi King; \"das Buch der Wandlungen\") basiert auf Kosmologie und Philosophie des alten China, speziell dem Daoismus (Taoismus). Grundideen des I Ging sind eine Ausgewogenheit der Gegenteile und ein Akzeptieren der Ver&auml;nderung. Das Buch beschreibt die Welt in 64 Bildern,&hellip;' class=\"encyclopedia\">I Ging<\/a>.&ldquo;<\/li>\n\n\n\n<li>Ein Nutzer fragt: &bdquo;Bitte, sag mir, wie es mit X. und mir im neuen Jahr weitergeht!&ldquo;<\/li>\n\n\n\n<li>Eine Nutzerin hat eine f&uuml;r sie sehr wichtige Person auf skurrile Weise kennengelernt. Ihre Frage: &bdquo;Wird es ein Wiedersehen geben? Oder: Was ist der Sinn?&ldquo;<\/li>\n\n\n\n<li>Ein Nutzer fragt: &bdquo;Wie geht es jetzt weiter?&ldquo;<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<div id=\"psychoanalyse\" class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p>Exkurs: I Ging und Psychoanalyse<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hexagramm 25 &ndash; die Unschuld<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-light-gray-background-color has-background\"><strong>Schlagworte:<\/strong> Sozialisation und Schuldgef&uuml;hle | Der Andere als Strukturgeber des Subjekts<\/p>\n\n\n\n<p>Wie wird ein biologisches Wesen zum soziales Subjekt? Nach <a href=\"https:\/\/www.no2do.com\/synopse\/glossar\/jacques-lacan\" target=\"_self\" title=\"Jacques Lacan (*13. April 1901; &dagger;9. September 1981) war ein franz&ouml;sischer Psychiater und Psychoanalytiker. Er ist bekannt f&uuml;r seine R&uuml;ckkehr zu den urspr&uuml;nglichen Schriften Sigmund Freuds, die er in neuer Weise las und weiterentwickelte. F&uuml;r Lacan ist die Psychoanalyse eine Praxis der Sprache: Das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert und die Analyse vollzieht sich&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Jacques Lacan<\/a> ist es der Andere &ndash; das Du, unser Gegen&uuml;ber -, das uns zum Subjekt macht. Die Sprache, als Ordnung des Symbolischen, ist dabei nicht einfach nur ein Mittel der Kommunikation, sondern jene Struktur, die das <a href=\"https:\/\/www.no2do.com\/synopse\/glossar\/begehren\" target=\"_self\" title=\"Das Begehren ist in der Psychoanalyse von Jacques Lacan keine Reaktion auf ein konkretes Bed&uuml;rfnis und kein bewusster Wunsch &ndash; sondern eine unstillbare Bewegung, die aus einem strukturellen Mangel entsteht. Begehren bildet dort, wo etwas fehlt &ndash; nicht etwas Bestimmbares, sondern eine grundlegende Leerstelle in der symbolischen Struktur, die das Subjekt umgibt. Es ist diese&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Begehren<\/a> formt, reguliert und &uuml;berhaupt erst hervorbringt. Mit dem Eintritt in die symbolische Ordnung &ndash; also in Sprache, Gesetz und soziale Normen &ndash; tritt zugleich die Schuld auf den Plan: genauer gesagt, die Struktur der Schuld.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn das Subjekt kann sein Begehren nie ganz ausleben &ndash; es muss Teile seiner Impulse verdr&auml;ngen, opfern, sublimieren, um in der Ordnung des Anderen bestehen zu k&ouml;nnen. Ein Prozess, der schmerzhaft und konfliktreich ist &ndash; aber auch sch&ouml;pferisch. Denn das Subjekt gewinnt dadurch Zugang zu Verantwortung, Beziehung und Ethik.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Sinne verweist Hexagramm <em>25 &ndash; die Unschuld<\/em> auf die M&ouml;glichkeit einer Unschuld <em>nach<\/em> der Schuld: nicht als Urzustand vor der Sozialisation, sondern als eine Haltung im Einklang mit dem Symbolischen. Es geht um eine Form der Reinheit, die sich nicht mehr von narzisstischem Begehren oder imagin&auml;ren Selbstbildern irritieren l&auml;sst. Man hat die &bdquo;Tigerz&auml;hne&ldquo;- also die eigene rohe Vitalit&auml;t des Triebhaften &ndash; losgelassen bzw.im Prozess der Sozialisation gez&auml;hmt. Das Resultat ist eine Reinheit im eigenen Verh&auml;ltnis zum Anderen &ndash; nicht aber eine leere, durch &auml;u&szlig;eren Druck erzwungene Anpassung, die lediglich dem Anspr&uuml;chen des Anderen zu gen&uuml;gen versucht.<\/p>\n\n\n\n<p>So verstanden ist &bdquo;Unschuld&ldquo; kein Urzustand kindlicher Naivit&auml;t, kein Zustand der Unber&uuml;hrtheit, sondern das Resultat eines bewussten ethischen Aktes, in dem destruktive Impulse losgelassen werden und das Individuum sich in die Ordnung des Gemeinsamen einf&uuml;gt, ohne jedoch das eigene Begehren v&ouml;llig zu verleugnen. Eine Unschuld, die sich im prek&auml;ren Gleichgewicht zwischen Autonomie und Anerkennung, zwischen Trieb und Sprache, zwischen dem Eigenen und dem Anderen immer wieder aufs Neue vollzieht.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Die aktuelle Interpretation finden Sie hier: <a href=\"https:\/\/www.no2do.com\/hexagramme\/788777.htm\">https:\/\/www.no2do.com\/hexagramme\/788777.htm<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u7121\u5984 w\u00fa w\u00e0ng &#8211; ein japanischer Freund sagte mir k\u00fcrzlich, dass das erste der beiden Schriftzeichen des chinesischen Namens von Hexagramm 25 &#8211; die Unschuld so viel wie &#8222;Rei\u00dfzahn eines Tigers&#8220; bedeutete und das zweite Zeichen &#8222;loslassen&#8220;. Ein chinesischer Freund meinte, das seien beides klassische Schriftzeichen, und daher auch f\u00fcr ihn nicht eindeutig lesbar. 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