06 – der streit

Hexagramm 6 – der Streit scheint eines der unbeliebtesten Hexagramme überhaupt zu sein, denn bisher erhielt ich noch keine einzige Rückmeldung zu dieser Antwort den I Ging. Oder aber die Antwort ist dermaßen klar, das es bisher noch niemand für nötig befunden hat, mir eine Nachricht zu senden.

Einige Überlegungen

Wie dem auch sei, Streit ist ein interessantes Thema. Denn wer hat noch keine Erfahrungen damit gemacht, sei es als aktiv streitende Partei, oder aber auch als passiv-unbeteiligter Beobachter eines Streits anderer?

Was habe ich inzwischen über das Streiten gelernt, innerhalb und außerhalb des I Ging? Und wie passt das mit dem Weg des Dao, der westlich inspirierten Interpretation des I Ging zusammen?

Einer der wichtigsten Sätze, die ich persönlich als Teilnehmerin, als streitende Partei, gelernt habe, ist „Ich bin nicht dein Feind!“ (bzw. „Du bist nicht mein Feind.“). Denn bei jedem Streit, gerade auch bei den Streitereien mit nahestehenden, geliebten Personen, verfallen wir nur allzu leicht in das Freund-Feind-Schema: Entweder du bist meiner Meinung – oder du bist mein (feindlicher) Gegner!

Diese Reaktion hat wohl jeder schon einmal an sich selbst beobachtet. Aber ist sie korrekt? Wird aus der geliebten Person, nur weil sie in Bezug auf eine bestimmte Frage anderer Meinung ist als ich, gleich mein „Feind“? Der Begriff „Feind“ bezeichnet etwas großes, schlimmes, ein Feind ist jemand, der mir tatsächlich schaden möchte, der meinen Untergang wünscht – ist also dieses große Wort wirklich angemessen? Oder wäre es nicht korrekter, uns weiterhin als Freunde zu bezeichnen, auch wenn wir zu einem bestimmten Thema unterschiedliche, vielleicht auch gegensätzliche Positionen vertreten?

Es ist eine hohe Kunst, verschiedene Meinungen unverbunden nebeneinander stehen lassen. Es zuzulassen, dass mein Freund (!) anderer Meinung ist als ich – und trotzdem mit ihm befreundet zu bleiben. Und, tatsächlich, das Wort „Kunst“ habe ich hier mit Bedacht gewählt: Wir bekommen diese Fähigkeit nicht in die Wiege gelegt. Wir müssen sie uns erwerben!

Wenn wir diese Kunst jedoch erlernen, sie beherrschen, wenn wir es schaffen, bei uns, bei unserer Position zu bleiben und den uns befremdenden Ansichten unseres Freundes, unserer Freundin trotzdem aufmerksam zuzuhören, den Argumenten zu folgen, die ihm/ihr bedeutsam erscheinen, dann erhalten wir damit nicht nur unsere Freundschaft (was ja an sich schon ein Gewinn ist), sondern wir haben auch Gelegenheit, eine neue Perspektive auf das Geschehen zu gewinnen. Denn manchmal gibt es in der Position meines Gegenübers tatsächlich Punkte, wo er/sie Recht hat, wo er sie Dinge berücksichtigt hat, über die man selbst noch gar nicht so genau nachgedacht hat. Und aus dem „Streit“ wird ein – idealerweise für beide Beteiligten – bereicherndes Gespräch.

Die Fähigkeit, unterschiedliche, widerstreitende (!) Meinungen unvermittelt nebeneinander stehen zu lassen, macht das Leben leichter. Sie bedeutet, dass wir die Konsens-Doktrin aufgegeben haben, die Verpflichtung, dass es bei einem Disput eine gemeinsame Endnote, ein gemeinsame Position geben muss. Diese Forderung ist manchmal nicht zu erfüllen – und das zuzugeben und sich trotzdem die Hände zu reichen, ist ein großer Schritt vorwärts. „We agree that we disagree.“ ist in diesem Sinne zu einem geflügelten Wort geworden.

Es ist übrigens auch ein Missverständnis von Demokratie, dass jede Entscheidung einen allgemeinen Konsens erfordert. Tatsächlich erfordert demokratisches Miteinander, dass alle Parteien und Positionen angehört werden, dass sie in das gemeinsame Gespräch Eingang finden und idealerweise berücksichtigt werden. Aber auch wenn Einzelmeinungen dann bei der finalen Entscheidung vielleicht nicht vollständig zum Tragen kommen oder auch überstimmt werden, waren sie doch Teil des demokratischen Prozesses, weil sie ihr Rederecht ausüben konnten und die anderen Beteiligten ihnen respektvoll und aufmerksam zugehört haben.

Diese Öffnung des Gesprächsraums, die Bereitschaft, Menschen mit anderer Meinung zuzuhören und sie ernst zu nehmen, erfordert übrigens noch etwas, nämlich die Abkehr vom „Vernunftabsolutismus“, ein Begriff, den der deutsch-indische Philosoph Ram Adhar Mall geprägt hat und der sich damit gegen die Engführung der zulässigen Argumente auf Vernunftargumente wendet.

Man kann Gesprächsteilnehmer nämlich mundtot machen, indem man ihnen sagt, ihre Argumente sind nicht zulässig, weil sie nicht vernünftig sind. Darunter fallen zu Beispiel religiöse Überzeugungen, oder auch einfach nur Intuitionen oder Gefühle. „Ich will nicht nach XY fahren, weil ich bei der Vorstellung allein schon ein schlechtes Gefühl bekomme.“ – „Ich möchte nicht das YZ passiert, weil mein Gott das so nicht erlaubt.“ Es ist ein Unterschied, wir uns eine derartige Position genauer erklären lassen – oder aber sie als „unvernünftig“ und damit nicht zulässig vom Tisch wischen…

Ja, in Bezug auf Streitkultur gibt es viel zu lernen. Und zu üben! Und wenn ich es mir recht überlege, dann könnte ich mich fast schon ein bisschen freuen, auf meinen nächsten Streit, weil er mir doch zeigen wird, wie weit ich meine Fähigkeiten inzwischen entwickelt habe.

Also, waren nochmal meine persönlichen Top 3 zum Thema Streit?

  • „Ich bin nicht dein Feind!“
  • Wir brauchen keinen Konsens.
  • Auch unvernünftige Argumente sind zulässig.

Und wenn man sich an dieser Stelle die Interpretation des Hexagramms 6 – der Streit ansieht, den „Weg des Dao“ mit seinem Verweis auf die eigene innere Gestimmtheit, dann merkt man, wenn man aufmerksam hinspürt, meist recht schnell, wo der Hase im Pfeffer liegt: Was es ist, das einen daran hindert, dem Gegenüber gelassen zuzuhören… die eigene innere Gestimmtheit

Die aktuelle Interpretation finden Sie hier: https://www.no2do.com/hexagramme/878777.htm

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