34 – des großen macht

777788Fallbeispiel
Ein/e Nutzer/in hat folgende Frage: „Ist es richtig dem neuen Vertrag nicht zuzustimmen und damit ein Ende der Zusammenarbeit in Kauf zu nehmen?“ Zur Situation: „Langwierige Verhandlungen für eine freiberufliche Tätigkeit; letztes Problem im Vertrag: AG möchte eine Exklusivität von mir als AN[gestellte/r] aber ohne ein festes Mindestgehalt. Kein deal auf Augenhöhe also!“
Die Antwort des I Ging lautet 34 – Des Großen Macht.

Zeichen 34 – Des Großen Macht beginnt mit doppeltem Qian (unteres Trigramm und erstes Kernzeichen; der Himmel). „Ich, ich, ganz ich“ weist auf einen Menschen, der ganz und gut bei sich selbst ist: jemand, der weiß wer er ist, was er braucht, was er kann.
Qian entspricht dem Herzmeridian. Das Huáng Dì Nèi Jīng Sù Wèn schreibt zum Funktionskreis Herz:

Wenn der Herrscher erleuchtet ist, werden seine Untertanen in Frieden leben können; wer sein Leben nach diesen Prinzipien ausrichtet, wird ein hohes Alter erreichen, und er wird niemals gefährdet sein. Wer sein Reich nach diesen Prinzipien regiert, wird ein goldenes Zeitalter haben.
Zitat: → http://www.no2do.com/synopse/archives/423

Es ist also sehr gut, an diesem Punkt des doppelten Qian angekommen und ganz bei sich zu sein. Doch die Zeit, das Leben bleibt nicht stehen und alles entwickelt sich fort. Auch Qian ist eine Durchgangsstation im Kreislauf des Lebens. Und so folgt auf das doppelte Qian das zweite Kernzeichen Dui (der See).
In Dui öffnen wir uns dem Außen, unserer Umwelt, und sind gefordert, uns mit dem, was uns begegnet, auseinander zu setzen. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Unser Umfeld kann unser Innerstes berührt, uns inspirieren, uns bereichern, unseren Horizont erweitern. Aber die Begegnung mit der Umwelt kann in manchen Fällen auch bedeuten, dass wir klar Position beziehen müssen. Wenn wir dann unser Inneres nach Außen hin ausdrücken wird unser Selbst (Qian; „Ich, ich, ganz ich“) in der Welt lebendig.
In jedem Fall überschreiten wir in Dui immer auf zweierlei Weise die Grenzen unseres Selbst: im Rhythmus des Einatmens und Ausatmens, von Außen nach Innen und von Innen nach Außen.
Vertragsverhandlungen sind ein gutes Beispiel für eine Situation, in der sich Innenwelt und Außenwelt berühren. Da ist ein Mensch, ein Selbst, der ganz bei sich ist, der in seinem Leben ruht. Und dieser Mensch begegnet dann einem anderen Menschen, dem Verhandlungspartner, jemand, der möglicherweise ganz andere Lebenserfahrungen gemacht hat und Ansichten pflegt. Es begegnen sich mehr als zwei Menschen, nämlich zwei Welten, zwei Weltbilder. Im Fall des Fragenden: ein philosophisch interessierter Freiberufler trifft auf einen dem Shareholder Value [dem Unternehmenswert] verpflichteten Angestellten des mittleren Managements…
Wir haben wohl alle während der Bankenkrise Dinge über das Wirtschaften gelernt. Dass es Unternehmen gibt, die sich ausschließlich auf den Shareholder Value konzentrieren. Oder Manager, die Entscheidungen allein zugunsten einer Steigerung des eigenen Unternehmenswertes treffen. Und wir haben erfahren, zu welchen Resultaten das führt.
Die Kritik am Shareholder-Value-Ansatz wird inzwischen lauter, es heißt, er sei „unternehmensethisch nicht vertretbar und als Grundlage einer Unternehmensphilosophie ungeeignet“.
Ich habe kürzlich über ein alternatives Konzept, Shared Value Creation, gelesen. SVC ist eine Unterbereich der Corporate Social Responsibility (CSR). Dem SVC-Ansatz liegt die Erkenntnis zugrunde, dass „kein Unternehmen in einer scheiternden Gesellschaft überleben kann“. Daraus ergibt sich, „dass schon allein der egoistische Überlebenswille eines Unternehmens dafür spricht, sich seines Umfeldes anzunehmen.“ Sogar Großkonzerne wie Nestlé springen inzwischen auf diesen Zug auf. (Quellen: s. „Further Reading“)
Kein Unternehmen agiert also im leeren Raum. Auch die AG, mit der der Fragende verhandelt ist eingebunden in ein Netzwerk aus Mitarbeitern, Dienstleistern, Kunden, Umwelt, Gesellschaft… Aber vielleicht ist die Erkenntnis, dass Gewinnmaximierung allein langfristig keine kluge Strategie ist, noch nicht bis in alle Köpfe vorgedrungen.
Nicht gut. Oder doch. Es ist wie es ist.
Nur: wer ist hier der Mächtige? Schließlich heißt das Hexagramm 34 – Des Großen Macht. Ist die AG „der Große“? Oder der Fragende, der klar weiß, wer er ist?
Shared Value Creation ist gut. Geschäfte, bei denen beide Parteien profitieren und bei denen kein Verhandlungspartner den anderen an die Wand drückt. Was ist Macht? Geld? Moralisches Handeln?
Viele Fragen werden hier aufgeworfen. Viel Inspiration durch Dui, dem sich-Öffnen-für die-Umwelt. Und wenn sich der Fragende der Situation in ihrer Tiefe öffnet, und in sein eigenes Inneres lauscht, vernimmt er den Widerhall der Antwort: Zhen, der Donner, das obere Trigramm. Wenn Zhen sich aus Dui heraus entwickelt, dann hat man die Umwelt, die Situation, den Verhandlungspartner wahrgenommen. Und trifft hieraus eine klare Entscheidung
Die dann in entschlossener Handlung für alle sichtbar wird.

Die aktuelle Interpretation finden Sie hier: https://www.no2do.com/hexagramme/777788.htm

Dieser Post ist auch verfügbar auf: Englisch

03. Mai 2012 von kus
Kategorien: Dui → Zhen, Hexagramme, Qian → Dui, Qian → Qian | Schlagwörter: , , , | Kommentare deaktiviert für 34 – des großen macht