02 – das empfangende

888888Fallbeispiel
Eine Nutzerin stellt dem I Ging die Frage, wie es mit einer Bekanntschaft weitergehen wird und ob sie aktiv werden sollte. Erläuternd ergänzt sie: „Vor einigen Monaten habe ich einem Mann kennen gelernt, der mir gut gefallen hat. Tatsächlich hatten wir beide zu diesem Zeitpunkt aber noch einiges Altes abzuarbeiten. Zwischenzeitlich sahen wir uns zu einem Kaffee wieder und verbrachten kürzlich auch einen Tag miteinander. Unsere alten Geschichten sind inzwischen abgearbeitet, der gemeinsame Tag verlief harmonisch. Allerdings sind wir uns „haptisch“ nicht näher gekommen. Auf meine Frage, wie es nun weitergeht, antwortete das I Ging mit 02 – das Empfangende. Darf ich hoffen, dass sich etwas entwickelt – und zwar ohne dass meine Ungeduld zu stark strapaziert wird?“

Hexagramm 02 – das Empfangende besteht ausschließlich aus Yin-Linien. Kun, die Erde, bildet nicht nur beide Trigramme, sondern auch die Kernzeichen des Hexagramms. Kun, die Erde, steht für Wachsen, für Materialisieren. Etwas, was zunächst vage und potentiell ist, nimmt Gestalt an. Ein Same erwacht zum Leben und beginnt zu wachsen.
Und wann können wir ernten? In ihrer letzten Frage spricht die Nutzerin die Herausforderung an, die Kun so oft für uns darstellt: vertrauensvolle Geduld. Denn normalerweise agieren wir, wir tun Dinge, wir handeln. Vertrauensvolles Abwarten hingegen, fälschlicherweise oft assoziiert mit Faulheit oder Nichtstun, ist eine eher ungewohnte Übung für die meisten von uns.
Warum ist vertrauensvolles Abwarten so schwer? Unseren nächsten Urlaub erwarten wir ja auch mehr oder minder gelassen. Aber der ist ja schließlich auch geplant, quasi vorprogrammiert, wir können ziemlich sicher sein, dass er irgendwann stattfinden wird. Und sollten wir tatsächlich Zweifel hegen, genügt der Blick auf die Flugtickets um uns zu versichern: „Ja, unser nächster Urlaub kommt!“
Beim Hexagramm 02 – das Empfangende hingegen müssen wir auf einen Lauf der Dinge vertrauen, über den wir weder Kontrolle noch Informationen besitzen. Und auch wenn wir sicher sind, dass der Same gepflanzt ist (wir haben es ja schließlich selbst getan), juckt es uns doch in den Fingern, dem Pflänzchen beim Wachstum zu helfen – und sei es, indem wir leicht an den zarten Blättchen ziehen!
Womit wir beim Thema Intervention wären: wie können wir den Prozess, den natürlichen Lauf der Dinge, beschleunigen? Ich habe letztes Frühjahr ein Tütchen Basilikumsamen gepflanzt und dabei einiges gelernt. Über Basilikum – über mich! Denn es dauerte unendlich lange, bis die ersten Blättchen sprossen. Nur mit äußerster Disziplin konnte ich mich selbst davon abhalten, in meinem Blumentopf herumzustochern, um zu sehen, was denn da im Inneren der Erde vor sich geht.
Ich bin gärtnerischer Laie. Doch ich nehme an, dass Fachleute, Gärtner oder Agrarwissenschaftler, tatsächlich Möglichkeiten kennen, wie man den Prozess des Keimens und Wachsens beschleunigt. Vielleicht durch Beeinflussung der Licht- und Wärmeverhältnisse, vielleicht durch gezielte Düngergaben. Was diese Menschen von mir unterscheidet, ist, dass sie profunde Kenntnis über das betreffende Studienobjekt besitzen und dem Prozess schon sehr oft beigewohnt haben. Sie haben auf ihrem langen Weg und sicherlich auch von Niederlagen begleitet schließlich Meisterschaft erworben. Heute wissen sie genau, was zu tun ist, um dem Prozess ein bisschen nachzuhelfen.
Oder auch nicht. Denn diese Menschen kennen dem Prozess und vertrauen ihm, und in den allermeisten Fällen ist es schlicht überflüssig, ihn zu beschleunigen. Sie warten einfach vertrauensvoll ab, bis die Dinge von alleine geschehen.
Also tun wir es diesen Meistern gleich und intervenieren nicht. Lassen stattdessen die Dinge einfach geschehen. Und widmen in der Zwischenzeit uns selbst ein wenig Zeit und Energie.
Denn das ist die andere Seite von Kun: Nabelschau, die Aufforderung, uns an unseren eigene Ursprung als Quelle der Kraft zurückzuziehen, still zu werden. Kun verweist auf den Ort, an dem wir uns hier und jetzt befinden und lädt uns zu gründlicher Bestandsaufnahme ein: Wo genau befinde ich mich? Was habe ich bereits erreicht? Wie sicher ist mein eigener Stand? Über welche Ressourcen verfüge ich? Was trägt mich, was hält mich? Was will ich?
Indem wir die Zeit des vertrauensvollen Abwartens nutzen und die oben genannten Fragen beantworten, werden uns Dinge bewusst, die wir später als Kraftquelle für unseren weiteren Weg nutzen können.

Die aktuelle Interpretation finden Sie hier: https://www.no2do.com/hexagramme/888888.htm

Dieser Post ist auch verfügbar auf: Englisch

17. September 2013 von kus
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