10 – das auftreten

778777Zwei Jobgeschichten erreichten mich dieser Tage. In beiden Situationen geht es um übergriffige Arbeitgeber. Im einen Fall werden zusätzliche (unentlohnte) Arbeitsstunden mit fadenscheiniger Begründung eingefordert, im anderen Fall zusätzliche Aufgaben übertragen, die Mehrarbeit erfordern, die dann aber nicht bezahlt wird. Der Kommentar des I Ging lautet in beiden Fällen 10 – das Auftreten.

Wenn man die diversen Fragen, die in der „Annäherung aus Westen“ gestellt werden, ernsthaft beantwortet, wird schnell klar: Der einzige Einfluss, den wir auf diese Situation nehmen können, ist, dass wir uns selbst ändern, dass wir an unserer eigenen Haltung und unseren Reaktionsmustern arbeiten. Denn den „Chef“ werden wir nicht ändern, niemals, er (oder sie) liegt außerhalb unserer Einflusssphäre.

Wie kann ich mir also eine derartige Situation konkret vorstellen, wie sie von den beiden Nutzern geschildert wird?
Ich sitze an meinem Schreibtisch. Ich erledige ruhig und gewissenhaft meine Arbeit. Plötzlich tritt mein Arbeitgeber hinter mich. Er/sie öffnet den Mund… und überträgt mir weitere Aufgaben. Ein riesiges Mehr an Aufgaben. Ein Aufgabenmeer. Einen Aufgabenozean.
Ich fühle mich ein bisschen wie Aschenputtel. Aschenputtel, das die Erbsen auslesen muss, und wenn sie fast fertig ist, kommt die bösche Stiefmutter und bringt ihr einen weiteren Topf mit Erbsen… Aschenputtel wird nie fertig.
Wie ich. Die Arbeit ist nie „fertig“, nie ist es endlich gut. Und deswegen kann ich mich auch nie entspannen, immer gibt es neue, weitere, mehr Arbeit zu tun…

Wie kann ich mich aus einem derartigen Kreislauf befreien? Befassen wir uns also mit den Fragen der „Annäherung aus Westen“:

Wie kann ich das Gleichgewicht bewahren? Bin ich mir der Grenze bewusst? Der Grenze zwischen mir und dir?
Ah, da gibt es eine Grenze… Ich und mein Arbeitgeber sind zwei verschiedene Menschen – mit verschiedenen Positionen, Wünschen, Anliegen. Und es ist völlig normal, dass wir verschiedene Anliegen vertreten…
Eigentlich liegt das alles auf der Hand, ist sonnenklar. So sonnenklar, dass es uns manchmal völlig… entfällt…

Wo genau verläuft diese Grenze zwischen mir und dir? Spüre ich mich?
Wenn mein Arbeitgeber vor mir steht und etwas will… spüre ich dann, dass da ein anderer Mensch etwas von mir will? Dass dieser andere Mensch getrennt von mir ist, dass er nicht Teil von mir ist, sondern außerhalb von mir steht? Dass dieser Mensch nicht an den Schalthebeln meines Steuerungssystems sitzt, sondern dass ich diese Macht über mein Steuerungssystem habe?

Wo stehe ich – und wo stehst du?
Was genau will eigentlich mein Arbeitgeber? Was sind eigentlich seine Motivationen? Für seine Kunden gute Arbeit machen, ihnen ein gutes Produkt liefern. Geld verdienen. Gewinne machen. Kosten senken… alles klar.
Ich bin sicherlich Teil von „für seine Kunden gute Arbeit machen“ – und ich bin Teil der Kosten, die es zu senken gilt…

Kann ich es spüren, dieses Ich, das ich bin?
Aber ich bin auch mehr als das. Ich bin mehr als „Arbeitstier“ und „Kostenfaktor“ – ich bin ein Mensch! Mit einem intrinsischen Wert! Ich bin ein Mensch mit einem Innenleben… ich existiere… ich fühle…

Ja. Vielleicht ist das die Schlüsselfrage der Situation: Wer setzt hier eigentlich die Agenda, wer bestimmt das Spiel, setzt die Regeln, sagt, wo es langgeht? Wer bestimmt, was ich fühle? In der dysfunktionalen Arbeitsbeziehung setzt all dies einseitig der Arbeitgeber: Er allein bestimmt die Arbeit, und Arbeitsmenge, den Preis, den er dafür bezahlt – und dass ich das alles gefälligst pflichtschuldig erfüllen soll.

Das darf er oder sie gerne so wollen. Aber ich darf ebenfalls eine Position einnehmen. Was denke und fühle ich? Wie sehe ich das mit den Kunden, die gute Arbeit wünschen? Was erwarte ich als Gegenleistung? Wo genau stehe ich eigentlich?
Genau. Das herauszufinden ist eine gute Sache. Denn erst wenn ich das weiß, kann ich entsprechend auftreten

Fragestellungen

Hier noch ein paar weitere, schon etwas ältere Anfragen zu Hexagramm 10 – das Auftreten. Es geht um eine wichtige Entscheidung, die getroffen wurde, und den Prozess, diese Entscheidung im Nachgang, anhand der Realität, noch einmal sorgfältig zu prüfen. Auch hier geht es also um das Abwägen von zwei unterschiedlichen Perspektiven, der eigenen Innenperspektive und der äußeren „Umwelt“-Perspektive.

  • Der Nutzer schildert sein Anliegen folgendermaßen: „Ich habe schon öfter Entscheidungen getroffen und bin etwas (verdorbenes) angegangen, habe etwas gehen lassen, aufgelöst. Diesmal wirkt sich meine Entscheidung auf eine seit langer Zeit bestehende, wertvolle Freundschaft aus. Uns beide beschäftigte in den letzten beiden Jahren immer wieder das Thema Abhängigkeit. Ich habe beschlossen, mich diesem Problem zu stellen und mich zu befreien. Mein Freund, der in denselben Schwierigkeiten steckt, hat einen anderen Lösungsweg gewählt. Meine Entscheidung, mein Weg (der anders ist als seiner) fühlt sich für mich stimmig, richtig an. Aber es bedeutet auch, das ich riskiere, meinen Freund zu verlieren. Mein Freund reagiert auf meine Entscheidung mit Wut, Vorwürfen und Missverständnissen. Die Auswirkungen meiner Entscheidung auf mich selbst sind quälend, spanungsreich und von Schuld, Ängsten, Unruhe, Hunger und Kopfschmerzen begleitet.“
  • Ein Nutzer fragt: „Wie kann ich schlafen?“ und beschreibt seine Situation folgendermaßen weiter: „Ich liege die halbe Nacht wach, weil gerade nicht weiß wie es weitergeht, ich will wieder anfangen zu arbeiten, aber anders als bisher, ich fühle mich an einem Wendepunkt.“
Fallstudie

Vor längerer Zeit teilten zwei Nutzerinnen ihre Fragen bzw. Situationen mit mir, die das I Ging jeweils mit Hexagramm 10 – das Auftreten beantwortete. Hier die beiden (gekürzten) Situationsbeschreibungen, sowie die schon etwas ältere Fallstudie:

  • Situation A: Ich möchte mich beruflich umorientieren und habe dazu auch eine Idee, die ich seit längerem verfolge. Jetzt kann ich mir die Ausbildung finanziell leisten – und bin plötzlich unsicher: soll ich es tun, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, will ich es wirklich? Meine Überzeugung ist ins Stocken geraten. Was hat es damit auf sich?
  • Situation B: Ich, ziemlich sportlich und physisch kompetent, bin dabei, den Motorradführerschein zu machen. Auf den Trainingsfahrten und eigenen Unternehmungen mit dem Motorrad gibt es immer wieder Situationen, in denen sich „jegliches Tun verheddert“. Die Manövrierfehler führten bereits zu Beschädigungen am Motorrad, ich blieb bisher glücklicherweise unversehrt. Nach dem letzten missglückten Wendemanöver (die Maschine war danach fahruntauglich) fragte ich das I Ging: „Welche Bedeutung hat es, dass das Tao mich ständig ausbremst?“

Die beiden oben beschriebenen Situationen scheinen auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben. Dennoch haben sie einen gemeinsamen Nenner: beide Fragende haben (in der Vergangenheit) eine Entscheidung getroffen, die sie jetzt im Licht ihrer jeweiligen Realität prüfen. Dui, der See (unteres Trigramm) beschreibt den Moment, wenn Innen- und Außenwelt einander begegnen. Die beiden Fragenden drücken ihren jeweiligen Entschluss (Beginn einer Ausbildung; Motorradführerschein) nach Außen hin aus und lassen ihn in der realen Welt lebendig werden. Im gleichen Moment antwortet ihnen die Umwelt auf ihre Entscheidung.
Die Antworten, die die beiden erhalten, sind unterschiedlich: Fragende A beginnt nun, da sich ihr Vorhaben konkretisiert, innerlich an der Richtigkeit ihrer eigenen Entscheidung zu zweifeln; Fragende B trifft ganz konkret auf die sprichwörtlichen Steine in ihrem Weg – und fragt nach deren Bedeutung.
Aufgrund welcher Kriterien treffen wir Entscheidungen? Ganz grob gesagt, gibt es Kopfentscheidungen und Bauchentscheidungen. Kopfentscheidungen sind meist konkret, sie lassen sich unseren Mitmenschen gegenüber gut kommunizieren, sie ergeben Sinn, weil sie den gängigen Argumentationslinien folgen. Bauchentscheidungen erscheinen oft irrational; manchmal kann man selbst nicht genau erklären, warum man diese Entscheidung trifft und was man damit genau bezweckt. Und dennoch: Bauchentscheidungen fühlt sich einfach „richtig“ an.
Beide Entscheidungswegen haben ihre Fallstricke. Bei den Kopfentscheidungen geben wir das Zepter oft aus der Hand, indem wir Autoritäten glauben und fremde Argumente als die eigenen übernehmen. Am Schluss treffen gar nicht wir die Entscheidung, sondern andere Menschen, die womöglich großen Nutzen aus unserem Verhalten ziehen. Bauchentscheidungen erfordern eine gute, enge Verbindung zu unserem Bauchgefühl. Hören wir unsere innere Stimme klar und deutlich? Oder lassen wir uns z. B. durch Versprechungen der Werbung subtil manipulieren?
In Hexagramm 10 – das Auftreten wandelt sich das untere Trigramm Dui zum ersten Kernzeichen Li, das Feuer. Li ist die Instanz, die die Welt unterscheiden kann und die „Klares“ und „Unklares“ trennt. Beide Nutzerinnen haben Entscheidungen getroffen. Vielleicht ist es hilfreich zu prüfen, wie sie zu diesen Entschlüssen gelangt sind. Waren es Kopfentscheidungen? Gut so – solange es der eigene Kopf ist, der entscheidet. Oder waren es Bauchentscheidungen? Gut – wenn sich diese Entscheidung nach wie vor vollkommen rund und richtig anfühlt.
Wobei mich die merkwürdigen Widerstände, auf die die motorradfahrende Nutzerin B trifft, tatsächlich stutzig machen. Manchmal entscheiden wir uns für etwas – und die Welt verwehrt es uns trotzdem. Anfängliche Widerstände würde ich unter Anfangsschwierigkeiten verbuchen, aber wenn die Widerstände sich weiter und weiter fortsetzen und immer unüberwindbarer werden, sollte man die eigen Pläne vielleicht doch noch einmal genau unter die Lupe nehmen. Und sie ggf. – auch wenn es weh tut – fahren lassen. Im Idealfall merkt man Jahre später, dass es doch gut gewesen war, nichts zu erzwingen.
Wenn die beiden Nutzerinnen also Klarheit über ihre eigenen Entscheidungswege haben und sich sicher sind, dass ihre Entschlüsse wirklich stimmig für sie sind, dann können sie vertrauensvoll auf den Weg machen (Li wandelt sich zu Sun, der Wind / Baum; zweites Kernzeichen). Um – auch gegen etwaige Anfangswiderstände oder Zweifel – ihr Ziel (Qian, der Himmel; oberes Trigramm) zu erreichen.

Im Urteil zu Hexagramm 10 – das Auftreten heißt es:

Beim Auftreten auf des Tigers Schwanz beißt er den Menschen nicht, das bringt Gelingen.

Ich denke, das Hexagramm, rät und dazu, vorsichtig und sehr aufmerksam voranzuschreiten. So als würden wir durch unübersichtliches Unterholz schleichen. Wir wissen nicht, was genau sich unter unseren Füßen verbirgt. Vielleicht schläft irgendwo ein Tiger – und mitten im Blättergewirr am Boden liegt sein Schwanz. Wenn wir durch den Wald preschen, anstatt zu schleichen, stolpern wir schlimmstenfalls über ihn. Treten wir sanft auf, bewegen wir uns umsichtig voran, dann werden wir unseren Fehler hoffentlich noch rechtzeitig bemerken. Und alles wird ein gutes Ende nehmen.

Noch ein paar Überlegungen

Wie treffe ich meine Entscheidungen? Nach reiflicher Überlegung? Aus dem Bauch heraus? Beide Wege haben Fallstricke. Kopfentscheidungen sind meist konkret, sie folgen gängigen Argumentationslinien, bergen aber auch die Gefahr, dass ich mir fremde Argumente zu eigen mache; Bauchentscheidungen fühlen sich oft besonders „richtig“ an, erscheinen Außenstehenden manchmal aber auch irrational. Auf jeden Fall setzen sie voraus, dass ich eine gute, enge Verbindung zu meinem Bauchgefühl, zu meiner inneren Stimme habe.

Wie also funktioniert mein Entscheidungsweg? Sind meine Entschlüsse stimmig, passen sie zu meinem inneren Gefühl und zu den äußeren Umständen? Wenn dem so ist, kann ich mich vertrauensvoll, umsichtig und wachsam auf den Weg machen. Und alles wird gut.

Die aktuelle Interpretation finden Sie hier: https://www.no2do.com/hexagramme/778777.htm

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