10 – das auftreten

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Fragestellungen
Kürzlich erreichte mich – neben den u. g., schon etwas älteren Fallbeispielen – eine neue Anfrage zu Hexagramm 10 – das Auftreten. Auch hier geht es wieder um eine wichtige Entscheidung, die getroffen wurde, und den Prozess, diese Entscheidung im Nachgang, anhand der Realität, noch einmal sorgfältig zu prüfen.

  • Der Nutzer schildert sein Anliegen folgendermaßen: „Ich habe schon öfter Entscheidungen getroffen und bin etwas (verdorbenes) angegangen, habe etwas gehen lassen, aufgelöst. Diesmal wirkt sich meine Entscheidung auf eine seit langer Zeit bestehende, wertvolle Freundschaft aus. Uns beide beschäftigte in den letzten beiden Jahren immer wieder das Thema Abhängigkeit. Ich habe beschlossen, mich diesem Problem zu stellen und mich zu befreien. Mein Freund, der in denselben Schwierigkeiten steckt, hat einen anderen Lösungsweg gewählt. Meine Entscheidung, mein Weg (der anders ist als seiner) fühlt sich für mich stimmig, richtig an. Aber es bedeutet auch, das ich riskiere, meinen Freund zu verlieren. Mein Freund reagiert auf meine Entscheidung mit Wut, Vorwürfen und Missverständnissen. Die Auswirkungen meiner Entscheidung auf mich selbst sind quälend, spanungsreich und von Schuld, Ängsten, Unruhe, Hunger und Kopfschmerzen begleitet.“

Fallbeispiele
Vor einiger Zeit teilten zwei Nutzerinnen ihre Fragen bzw. Situationen mit mir, die das I Ging jeweils mit Hexagramm 10 – das Auftreten beantwortete. Hier die beiden (gekürzten) Situationsbeschreibungen:

  • Situation A: Ich möchte mich beruflich umorientieren und habe dazu auch eine Idee, die ich seit längerem verfolge. Jetzt kann ich mir die Ausbildung finanziell leisten – und bin plötzlich unsicher: soll ich es tun, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, will ich es wirklich? Meine Überzeugung ist ins Stocken geraten. Was hat es damit auf sich?
  • Situation B: Ich, ziemlich sportlich und physisch kompetent, bin dabei, den Motorradführerschein zu machen. Auf den Trainingsfahrten und eigenen Unternehmungen mit dem Motorrad gibt es immer wieder Situationen, in denen sich „jegliches Tun verheddert“. Die Manövrierfehler führten bereits zu Beschädigungen am Motorrad, ich blieb bisher glücklicherweise unversehrt. Nach dem letzten missglückten Wendemanöver (die Maschine war danach fahruntauglich) fragte ich das I Ging: „Welche Bedeutung hat es, dass das Tao mich ständig ausbremst?“

Die beiden oben beschriebenen Situationen scheinen auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben. Dennoch haben sie einen gemeinsamen Nenner: beide Fragende haben (in der Vergangenheit) eine Entscheidung getroffen, die sie jetzt im Licht ihrer jeweiligen Realität prüfen. Dui, der See (unteres Trigramm) beschreibt den Moment, wenn Innen- und Außenwelt einander begegnen. Die beiden Fragenden drücken ihren jeweiligen Entschluss (Beginn einer Ausbildung; Motorradführerschein) nach Außen hin aus und lassen ihn in der realen Welt lebendig werden. Im gleichen Moment antwortet ihnen die Umwelt auf ihre Entscheidung.
Die Antworten, die die beiden erhalten, sind unterschiedlich: Fragende A beginnt nun, da sich ihr Vorhaben konkretisiert, innerlich an der Richtigkeit ihrer eigenen Entscheidung zu zweifeln; Fragende B trifft ganz konkret auf die sprichwörtlichen Steine in ihrem Weg – und fragt nach deren Bedeutung.
Aufgrund welcher Kriterien treffen wir Entscheidungen? Ganz grob gesagt, gibt es Kopfentscheidungen und Bauchentscheidungen. Kopfentscheidungen sind meist konkret, sie lassen sich unseren Mitmenschen gegenüber gut kommunizieren, sie ergeben Sinn, weil sie den gängigen Argumentationslinien folgen. Bauchentscheidungen erscheinen oft irrational; manchmal kann man selbst nicht genau erklären, warum man diese Entscheidung trifft und was man damit genau bezweckt. Und dennoch: Bauchentscheidungen fühlt sich einfach „richtig“ an.
Beide Entscheidungswegen haben ihre Fallstricke. Bei den Kopfentscheidungen geben wir das Zepter oft aus der Hand, indem wir Autoritäten glauben und fremde Argumente als die eigenen übernehmen. Am Schluss treffen gar nicht wir die Entscheidung, sondern andere Menschen, die womöglich großen Nutzen aus unserem Verhalten ziehen. Bauchentscheidungen erfordern eine gute, enge Verbindung zu unserem Bauchgefühl. Hören wir unsere innere Stimme klar und deutlich? Oder lassen wir uns z. B. durch Versprechungen der Werbung subtil manipulieren?
In Hexagramm 10 – das Auftreten wandelt sich das untere Trigramm Dui zum ersten Kernzeichen Li (das Feuer). Li ist die Instanz, die die Welt unterscheiden kann und die „Klares“ und „Unklares“ trennt. Beide Nutzerinnen haben Entscheidungen getroffen. Vielleicht ist es hilfreich zu prüfen, wie sie zu diesen Entschlüssen gelangt sind. Waren es Kopfentscheidungen? Gut so – solange es der eigene Kopf ist, der entscheidet. Oder waren es Bauchentscheidungen? Gut – wenn sich diese Entscheidung nach wie vor vollkommen rund und richtig anfühlt.
Wobei mich die merkwürdigen Widerstände, auf die die motorradfahrende Nutzerin B trifft, tatsächlich stutzig machen. Manchmal entscheiden wir uns für etwas – und die Welt verwehrt es uns trotzdem. Anfängliche Widerstände würde ich unter Anfangsschwierigkeiten verbuchen, aber wenn die Widerstände sich weiter und weiter fortsetzen und immer unüberwindbarer werden, sollte man die eigen Pläne vielleicht doch noch einmal genau unter die Lupe nehmen. Und sie ggf. – auch wenn es weh tut – fahren lassen. Im Idealfall merkt man Jahre später, dass es doch gut gewesen war, nichts zu erzwingen.
Wenn die beiden Nutzerinnen also Klarheit über ihre eigenen Entscheidungswege haben und sich sicher sind, dass ihre Entschlüsse wirklich stimmig für sie sind, dann können sie vertrauensvoll auf den Weg machen (Li wandelt sich zu Sun, der Wind / Baum; zweites Kernzeichen). Um – auch gegen etwaige Anfangswiderstände oder Zweifel – ihr Ziel (Qian, der Himmel; oberes Trigramm) zu erreichen.

Im Urteil zu Hexagramm 10 – das Auftreten heißt es:

„Beim Auftreten auf des Tigers Schwanz beißt er den Menschen nicht, das bringt Gelingen.“

Ich denke, das Hexagramm, rät und dazu, vorsichtig und sehr aufmerksam voranzuschreiten. So als würden wir durch unübersichtliches Unterholz schleichen. Wir wissen nicht, was genau sich unter unseren Füßen verbirgt. Vielleicht schläft irgendwo ein Tiger – und mitten im Blättergewirr am Boden liegt sein Schwanz. Wenn wir durch den Wald preschen, anstatt zu schleichen, stolpern wir schlimmstenfalls über ihn. Treten wir sanft auf, bewegen wir uns umsichtig voran, dann werden wir unseren Fehler hoffentlich noch rechtzeitig bemerken. Und alles wird ein gutes Ende nehmen.

Die aktuelle Interpretation finden Sie hier: https://www.no2do.com/hexagramme/778777.htm

Dieser Post ist auch verfügbar auf: Englisch

20. August 2019 von kus
Kategorien: Dui → Li, Hexagramme, Li → Sun, Sun → Qian | Schlagwörter: , , , | Kommentare deaktiviert für 10 – das auftreten