22 – die anmut

787887Manchmal ist unser kühler Kopf die Rettung: wenn es drunter und drüber geht, wenn die Bauchgefühle verrückt spielen. Aber vielleicht spielen sie gar nicht verrückt, wir verstehen nur einfach nicht, was sie uns sagen wollen. Dann hilft der kühle Kopf – und weist dem Bauch den Weg. Lichtet das Dunkel. Beruhigt den Aufruhr.

Bis der Bauch wieder mitspielt, Kopf und Bauch zueinander finden, sie gemeinsam einen Entschluss fassen. Und Abschied nehmen: von der Verwirrung.

Fallstudie

Ich habe kürzlich einer Familienaufstellung beigewohnt, in der es um eine unerklärlich starke Anziehung ging, die das Lebensgefüge des Aufstellers in Frage stellt bzw. bedroht. Später befrage ich das I Ging um ein Zeichen für die Gesamtsituation – also von der Ausgangskonstellation bis zur gelöste Endstellung – zu erhalten. Als Antwort bekam ich Zeichen 22 – die Anmut.

Am Anfang des Zeichens 22 – die Anmut stehen Li, das Feuer (unteres Trigramm) und Kan, das Wasser (erstes Kernzeichen). Diese beiden Trigramme finden sich auch im Zeichen 63 – nach der Vollendung und gelten als ideale Kombination: das Feuer (unten) wärmt das Wasser (oben). Psychologischer könnte man vielleicht sagen, dass Li und Kan einen Prozess darstellen, bei dem intellektuelle Klarheit tief in die Persönlichkeit integriert wird, sich Kopfwissen also zu tief wurzelndem Bauchwissen wandelt.
Tatsächlich ist der Aufsteller verwirrt über seine Gefühle, die sehr präsent aber auch unerklärlich sind. Feedbacks von Repräsentanten tragen nur weiter zur Verwirrung bei. Erst als die Möglichkeit einer Projektion in die Betrachtung einfließt und diese dann personifiziert und genauer untersucht wird, lichtet sich das Dunkel. Li, das Feuer (unteres Trigramm) wandelt sich zu Kan, das Wasser (erstes Kernzeichen), die genauere Untersuchung der Projektion macht die anfangs verwirrenden Bauchgefühle plötzlich verständlich und nachvollziehbar.
Aus diesem tiefen Erkennen eigener, teilweise unbewusster Beweggründe (Kan) ergeben sich zwingende Konsequenzen – und hier ist rückblickend für mich besonders interessant, den Ablauf der Trigramme detailliert zu betrachten. Von der Aufstellung blieb mir als nächster Schritt im Ablauf vor allem das Abschiednehmen (Gen) in Erinnerung. Tatsächlich entwickelt sich Kan aber zunächst zu Zhen (zweites Kernzeichen, der Donner), ein Zeichen, das für Urteils- und Entscheidungsvermögen und für die entschlossene Umsetzung der getroffenen Entscheidungen steht. In der Familienaufstellung werden an dieser Stelle Grenzen gezogen und Lebensbereiche voneinander getrennt, die lange Zeit unheilvoll miteinander verflochten waren.
Den Abschluss des Zeichens 22 – die Anmut bildet schließlich der Übergang Zhen, der DonnerGen, der Berg (oberes Trigramm): erst nach der Grenzziehung folgt Loslassen und Abschiednehmen. Tatsächlich war die vom Aufsteller übermächtig empfundene Anziehung Höhepunkt eines nicht genommenen Abschiedes, der sein Leben über viele Jahre geprägt hatte.
Die Grenzziehung (Zhen), die die zwei unheilvoll miteinander verbunden Wirklichkeiten endlich trennt, hält für den Aufsteller die Aufgabe bereit, jetzt endlich all jene Gefühle, Gedanken und Bindungen loszulassen, die für sein Leben schon längst alle Relevanz verloren haben.

Die aktuelle Interpretation finden Sie hier: https://www.no2do.com/hexagramme/787887.htm