11 – der friede

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Im Sommer erhalten zwei Nutzer jeweils Hexagramm 11 – der Friede als Antwort des I Ging auf ihre Fragen bzw. Situationen. Hier die beiden (gekürzten) Ausgangslagen:

  • Situation A: Ich bin unzufrieden mit meinem Auto und möchte gerne ein neues, größeres kaufen. Die erforderlichen Schritte fallen mir jedoch unglaublich schwer, ich fühle mich innerlich wie zerrissen. Einerseits verbinde mit dem neuen Auto Anerkennung und Reputation für mich; andererseits spüre ich Widerstände: eine Neuanschaffung würde einen Kredit erfordern, ein neues Auto ist nicht wirklich notwendig bzw. ich bin es mir nicht wert. Im Grunde fühle ich mich momentan wie ein Ge- oder Vertriebener. Meine Frage an das I Ging: „Was ist eigentlich mein Problem in dieser Sache?“
  • Situation B: Ich habe nach Jahren die Möglichkeit mit einer Person wieder Kontakt aufzunehmen, die mich einmal sehr verletzt hat. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich das tun soll.

Hexagramm 11 – der Friede beginnt mit Qian (der Himmel; unteres Trigramm) und entwickelt sich im ersten Kernzeichen zu Dui (der See) weiter. Qian symbolisiert eine Geisteshaltung, die idealerweise ein hohes Maß an Klarheit und Kohärenz aufweist, ungestört durch Sorgen, Begierden, Gedankenschleifen. Diese innere Klarheit kollidiert in Dui mit der äußeren Welt, die beiden Nutzern überraschend neue Möglichkeiten eröffnet: ein neues Auto für Nutzer A, die Kontaktaufnahme nach langer Zeit für Nutzer B. In beiden Fällen ist die innere Ruhe und die Abgeklärtheit erschüttert, steht auf dem Prüfstand, wird herausgefordert im Zusammentreffen mit der äußeren Welt und ihren Möglichkeiten.
Im weiteren Verlauf des Hexagramms 11 – der Friede entwickelt sich Dui zu Zhen (der Donner; zweites Kernzeichen). Wenn man sich dem Außen, der Umwelt öffnet (Dui), wenn man sich von der äußeren Welt und ihren Möglichkeiten berühren lässt, dann bleibt dies nicht ohne Folgen: ein Keim wird gelegt, etwas in uns beginnt in Resonanz mit der Umwelt zu schwingen. Beide Nutzer sind durch die sich überraschend bietenden Möglichkeiten angeregt worden, über sich selbst nachzudenken:

  • Situation A: Brauche ich ein neues Auto um meinen Selbstwert zu steigern? Erfordert meine Selbstachtung ein angemessenes Auto?
  • ituation B: Soll ich Kontakt aufnehmen und mich dem Risiko einer neuen Verletzung aussetzen – oder schütze ich mich diesmal besser indem ich den Kontakt vermeide? Oder ist die Wunde vielleicht so endgültig und nachhaltig geheilt, dass ich jetzt wieder Kontakt aufnehmen kann – ohne Verletzung zu riskieren?

Vielleicht können die beiden Nutzer ihre jeweiligen Fragen selbst beantworten. Dann wird aus ihren jeweiligen Antworten – ein klares Ja oder Nein zu Auto bzw. Kontaktaufnahme – eine Handlung erwachsen. Diese Handlung wird im oberen Trigramm Kun (die Erde) Form finden.
Aber auch für den Fall, dass die beiden Nutzer kein klares „Ja“ oder „Nein“ für sich finden, offenbart das I Ging eine Lösung im oberen Trigramm Kun (die Erde): Kun symbolisiert Empfänglichkeit, ein sich hingeben an das, was kommt, was das DAO uns offeriert. Dies erfordert eine Haltung des Nicht-Tun (Wu Wei), ohne jedoch untätig zu sein: ein aufmerksames Lauschen bis sich die korrekte Antwort von selbst erschließt.
Diesem Ansatz entspricht auch die Idee, die Nutzer A am Ende seiner Anfrage äußert: „… ich muss wieder regelmäßig meditieren, damit ich mich nicht länger wie ein Ge- oder Vertriebener fühle.“

Ich ordne den Hexagrammen experimentell Meridianpunkte zu; dem Hexagramm 11 – der Friede entspricht dabei He7. Zu diesem Punkt schreiben Hicks/Hicks/Mole:

Besonders eindrucksvoll entfaltet He7 seine Wirkung in der Behandlung von Patienten, die an einem Schock leiden, der im Su Wen so beschrieben wird:
Mit dem Zusammenzucken des Jing hat das Herz keinen Ort mehr, auf den es sich verlassen, der Geist-Shen keinen Ort mehr, auf den er sich beziehen, planvolles Denken keinen Ort mehr, an dem es sich nieder lassen und zur Ruhe kommen kann. (1)

Ein Schock ist das Extrem einer systemischen Erschütterung. In weniger drastischer Ausprägung bedeutet dieser Zustand einfach nur, dass etwas die innere Ruhe, die eigene Abgeklärtheit gestört hat. Die beiden oben beschriebenen Situationen passen in dieses Muster. Hexagramm 11 – der Friede zeigt einen Weg auf, wie die innere Ruhe zurückzugewinnen ist: im nicht-handelnden Lauschen auf das DAO.

(1) Hicks, Angela; Hicks, John; Mole, Peter.Konstitutionelle Akupunktur nach den fünf Wandlungsphasen. München/Jena: Elsevier, Urban & Fischer, 2008, S. 383

Die aktuelle Interpretation finden Sie hier: https://www.no2do.com/hexagramme/777888.htm

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18. Februar 2015 von kus
Kategorien: Dui → Zhen, Hexagramme, Qian → Dui, Zhen → Kun | Schlagwörter: , , , | Kommentare deaktiviert für 11 – der friede