01 – entschlossenheit

Ein Moment des Innehaltens. Das Hexagramm 01 – Entschlossenheit (oder auch: das Schöpferische, der Himmel) ist eines der wenigen statischen Zeichen des I Gings. Wie jener kurze Moment, in dem die Welle, die an den Strand drängt kurz stillsteht, bevor sie die Richtung wechselt und ins Meer zurückfließt.
In diesem Augenblick ist sie/wir/ich: ICH, GANZ ICH.

Fragestellungen
Zum Hexagramm 01 – Entschlossenheit erreichten mich eine ganze Reihe von Anfragen. Hier eine Auwahl:

  • Eine Nutzerin fragt: „Wie ist meine Situation wirklich, wie soll ich sie verstehen?“ Der Hintergrund ihrer Frage ist, dass sie sich in einer Lebensphase befindet, in der sie eigentlich vieles abschließen bzw. ordnen sollte. Aber sie tut es nicht, sie drückt sich davor und nimmt lieber Nachteile (z.B. finanzieller Natur) in Kauf. Sie hat das Gefühl, festzustecken, sich selbst zu boykottieren.
  • Eine 70-jährige Nutzerin lebt mit ihrem schizophrenen Sohn und ihrer demenzkranken Mutter zusammen. Sie hat viel Energie darauf verwendet, deren Leben angesichts ihrer jeweiligen Erkrankungen so angenehm wie möglich zu gestalten,. Eigentlich ist sie Künstlerin und spürt immer noch den Drang, kreativ zu sein. Ihre Frage: „Worauf soll ich meine Energie konzentrieren?“
  • Eine Nutzerin wohnt zur Miete in einem Haus, das verkauft werden soll. Weil sie sich mit ihren Kindern dort sehr wohl fühlt, zieht sie in Betracht, das Vorkaufsrecht zu nutzen. Der Haken: ein weiteres, stark sanierungsbedürftiges Haus muss mitgekauft werden. Ihre Frage: Soll sie das tun, ist sie dem allem gewachsen?
  • Eine Nutzerin schreibt im vierten Jahr an einem Buch. Hat die Publikation im Eigenverlag Aussicht auf Erfolg?
  • Eine Nutzerin arbeitet und lebt mit ihren Kindern in einem Haus. Die juristische Situation ist unklar, möglicherweise muss sie ausziehen. Soll sie mit allen Mitteln am Haus festhalten? Oder soll sie loslassen, weil ein anderes, günstigeres Zuhause auf sie wartet?
  • Eine Nutzerin befragt das I Ging nach ihrer Kompetenz. Sie mag die Antwort sehr…
  • Eine Nutzerin fragt: „Soll ich meinen Partner verlassen?“
  • Eine Nutzerin hat tausend Ideen und viele angefangene Projekte. Sie ist ständig unzufrieden – überfordert sie sich selbst? Wie soll sie priorisieren?
  • Ein Nutzer fragt, ob er sein Geschäft auf das I Ging aufbauen soll.
  • Ein Nutzer fragt, ob er in diesem Jahr den Durchbruch schafft.
  • Eine Nutzerin fragt: „Wie soll ich mich gegenüber X verhalten, um ein Näherkommen zu ermöglichen?“
  • Ein Nutzer fragt, was jetzt für ihn zu tun ist.

Einige Überlegungen
Ich, Ich, ganz Ich.
Was soll denn das für eine Antwort sein? Ja, das ist eine Antwort… Aber eine ungewohnte. 🙂

Ich, Ich, ganz Ich.
Wann stellt man sich selbst schon dermaßen in den Mittelpunkt, noch dazu gleich drei mal?. Klar, da gibt es Egomanen, die tun das täglich. Aber wir, das Normalvolk? V.a. das weibliche Normalvolk? Wir werden doch eigentlich genau zum Gegenteil erzogen: für andere da zu sein. Uns aufzuopfern. Unsere eigenen Belange zurückzustellen. Uns nicht zu wichtig zu nehmen.
Und dann kommt auf einmal so eine Antwort: „Ich, Ich, ganz Ich.“ Ist irgendwie fast schon… revolutionär.

Revolution. Heißt eigentlich: herumdrehen (aus revolvere (zurückwälzen, -rollen, -drehen), was sich wiederum aus re- (lateinisch für: zurück) und volvere (lateinisch für: rollen, wälzen) zusammensetzt). Da wird also etwas ganz herumgedreht. Das unterste zuoberst, das oberste zuunterst gekehrt.
Oder vielleicht auch: wieder in den Zustand zurückversetzt, in dem es ursprünglich war, in den es eigentlich gehört?

Im konkreten Fall würde so etwas vielleicht bedeuten, dass man mal genau anschaut, wie man normalerweise auf Anforderungen reagiert. Könnte es sein, dass man aus Gewohnheit sofort von den eigenen Belangen (Wünschen, Absichten, Anliegen etc.) Abstand nimmt, sie gewissermaßen völlig vergisst und sich stattdessen voller Elan auf das stürzt, was da angefragt wurde, das liefert, was andere – wer auch immer – fordern? Dann würde „Revolution“ bedeuten: einen Moment innehalten. Mal ganz kurz nichts tun. Mal ganz, ganz kurz hinspüren: Wonach ist mir eigentlich selbst? Wonach fühle ich mich , wenn ich die Belange der anderen mal ausnahmsweise kurz außer Acht lasse?
Was taucht da in meinem Kopf auf? Was sind eigentlich meine Wünsche? Wonach wäre mir (wenn mich jemand fragen würde)? Was würde ich eigentlich am allerliebsten tun, in einer Situation wie dieser, wenn ich… wenn ich allein auf der Welt wäre?

Und was würde passieren, wenn ich das dann täte?

Enttäuschte Gesichter. Die gibt es oft, wenn wir aufhören, so zu funktionieren, wie wir normalerweise funktionieren. Daran müssen wir uns gewöhnen. Geht aber.

Und als Lohn gibt es dann vielleicht das: In den Fluss [des Lebens] steigen.
Fühlt sich irgendwie… prickelnd an. 🙂

Die aktuelle Interpretation finden Sie hier: https://www.no2do.com/hexagramme/777777.htm

Weiterführende Literatur

Ich habe vor einiger Zeit ein nettes, kleines, inspirierendes Büchlein zum Thema gelesen, wie man das schaffen kann, sein eigenes Leben zu leben. Sehr zu empfehlen:

Dieser Post ist auch verfügbar auf: Englisch

29. August 2019 von kus
Kategorien: Hexagramme, Qian → Qian | Schlagwörter: , , , | Kommentare deaktiviert für 01 – entschlossenheit