23 – die zersetzung

Fallbeispiel
Das Hexagramm 23 – Zersetzung taucht als Variante des Zeichens 35 – Fortschritt auf, und zwar zu folgender Frage einer Nutzerin: „Welche Herangehensweise/Arbeitsweise eignet sich für meine künstlerische Arbeit am besten?“

Hexagramm 23 – Zersetzung beginnt wie Zeichen 35 – Fortschritt mit Kun (die Erde) als unterem Trigramm. Aber anders als bei 35 – Fortschritt bildet Kun hier nicht nur das untere Trigramm, sondern zeigt sich auch in den beiden Kernzeichen. Erst im im oberen Trigramm wandelt sich Kun zu Gen (der Berg).
Der deutsche Titel des Hexagramms 23 lautet Zersetzung, ein Wort mit tendenziell negativem Beigeschmack. Der englische Titel, „splitting apart“, klingt neutraler und entspricht wohl auch eher auch dem chinesischen Originaltitel „Bo“ mit den Bedeutungen „abschälen, abstreifen“ bzw. „zerspringen, zerreißen“.
Bleiben wir aber zunächst bei den Trigrammen. Kun (unteres Trigramm, erstes und zweites Kernzeichen) weist uns auf den Ort hin, an dem wir uns hier und jetzt befinden und lädt uns zu gründlicher Bestandsaufnahme ein: Wo genau befinde ich mich? Was habe ich bereits erreicht? Wie sicher ist mein eigener Stand? Über welche Ressourcen verfüge ich? Was trägt mich, was hält mich?
Kun ist Nabelschau. Es ist die Aufforderung, uns an unseren eigene Ursprung als Quelle der Kraft zurückzuziehen und dabei still zu werden. Es ist ein privater Moment, ein intimes Selbstgespräch, bei dem das Umfeld ausgeschlossen bleibt. Bei der Interpretation des Zeichen 20 – die Betrachtung vor ein paar Monaten, beschrieb ich das doppelte Kun mit folgendem Bild: eine Welle, die ins Meer zurück rollt, sich dort konzentriert und neue Kraft schöpft.
Und tatsächlich ist es so: indem wir die oben genannten Fragen beantworten werden uns Dinge bewusst, die wir später als Kraftquelle für unseren weiteren Weg nutzen können.
Im oberen Trigramm wandelt sich Kun schließlich zu Gen (der Berg). Vielleicht sind uns bei unserer erdhaften Bestandsaufnahme auch Aspekte aufgefallen, die unnötigen Ballast darstellen, die unsere Kräfte blockieren und uns lange schon schwächen. Dies könnten konkrete Gegenstände sein, oder auch Denkmuster, Werturteile und Geisteshaltungen, mit denen wir uns nicht länger identifizieren – oder auch nie identifiziert haben.
Warum halten wir sie also noch fest? Die Sicherheit, die sie uns möglicherweise vermitteln, ist ohnehin nur ein gedankliches Konstrukt. Tatsächlich sind sie überflüssig, beanspruchen Raum und blockieren uns. Hier kommt der Titel des Hexagramms wieder ins Spiel: „Bo“ mit den Bedeutungen „abschälen, abstreifen“ bzw. „zerspringen, zerreißen“. Dinge Loszulassen ist wie eine Schlangenhäutung. Und genau dazu lädt uns Gen, der Berg, ein. Wir schaffen Platz für Neues, setzen bisher blockierten Kräfte frei und werden neu…

Loslassen und Ausmisten sind eine Kunst. Ich habe vor kurzem ein inspirierendes Interview mit Birgit Medele gelesen, s. unten. Was sie über das Ausmisten schreibt, gilt natürlich nicht nur für unsere Schränke, sondern für unser ganzes Leben.

Wie man sich anständig trennt
http://chrismon.evangelisch.de/print/15555

chrismon: Wieso soll ich überhaupt ausmisten?
Birgit Medele
: Weil das befreit. Man hat mehr Zeit, es läuft viel mehr von selber. Wer außen Ordnung schafft, bekommt auch im Inneren Ordnung und Klarheit. Mit Aufräumen schafft man sich eine Startrampe, um loszufliegen.
Losfliegen? Es geht doch nur um Dinge…
Es geht nie um Dinge. Es geht um die Geschichten, die sie erzählen, um Erinnerungen, Zukunftspläne… Gegenstände sind die Requisiten im Theater unseres Lebens. Wenn wir die Lebensbühne nie abräumen, sind wir dazu verurteilt, alte Vorstellungen zu wiederholen. …
Was genau ist Ballast?
Alles, was man nicht benutzt oder was man nicht wirklich mag. Auf einer tieferen Ebene gehört auch alles Unerledigte dazu: der unfertige Strickpulli, ungelesene Zeitschriften, Bücher aus einem abgebrochenen Studium. …
Viele Dinge zu haben gibt aber auch ein Gefühl von Sicherheit.
Das ist ein Missverständnis. Sicherheit liegt nie in Dingen. Sie liegt in der Gewissheit, mit allem umgehen zu können, was das Leben einem auftischt. …
Und was passiert, wenn die Schränke leer sind – außer, dass die Schränke leer sind?
Wenn Sie nicht mehr rumräumen und rumsuchen, werden Sie zurückgeworfen auf die ganz großen Fragen. Warum bin ich hier? Wohin geht meine Reise momentan? Sie werden sehen: Sie machen sich auf einen Weg.

Zum Schluss vielleicht noch eine konkrete Anmerkung zur Frage der Nutzerin:“Welche Herangehensweise/Arbeitsweise eignet sich für meine künstlerische Arbeit am besten?“

Es gibt kein Patentrezept. Mein eigener künstlerischer Ansatz ist in etwa das, was das Zeichen 23 – Zersetzung rät: mir meiner ur-eigenen Position bewusst werden und all das loslassen, was nicht wirklich zu mir gehört. Ansonsten habe ich vor ein paar Jahren eine Artikel zum Thema geschrieben:

Was ist Kunst?
http://www.soika.com/links/text/08d_wasistkunst.htm

Es gibt … zwei völlig gegensätzliche Ansätze für das Kunstschaffen: auf der einen Seite steht eine Art Leistungskunst (Bilder für Gegenleistung [„Auftragskunst“]), auf der anderen eine Art unbeauftragte Privatkunst, die nur dem inneren Drang des Künstler verpflichtet ist.

Als Künstler ist man heute Unternehmer. Kunst gilt als Brotberuf… Eventuell verlagert sich der Fokus des Künstlers deswegen allmählich von der inneren Befindlichkeit hin zur äußeren Wetterlage und irgendwann erfordern es die Sachzwänge, dass man den Rezipienten entgegenarbeitet: nur was den Geschmack der Jury bzw. des Publikums trifft, wird gefördert und gekauft….

Beim Künstlertum [verquicken sich] Ware und Selbstwert auf eigentümliche Weise: der Markterfolg wird immer auch als persönlicher Erfolg gewertet und soll die tiefe Sehnsucht nach Geliebt-Sein zu stillen. … Es geht bei der Kunst also tatsächlich sowohl um Geld als auch um Liebe – und zwar in wechselndem Mischverhältnis. …

De facto ist Kunst eine einsame, intensive, fast schon narzisstische Beschäftigung mit der eigenen Befindlichkeit. Für mich ist Malen innerer Dialog, ein Selbstgespräch, an dessen Ende ich klüger bin… Die Kunstpraxis ähnelt für mich dem Zen. Deprivation von Lob und Geld (bzw. die selbstgewählte Abstinenz vom Kunstgeschehen) sind wie ein Test: was ist wirklich wichtig? Was ist mir wichtig? Der Fokus geht dabei weg vom Publikumsgeschmack, hin zur eigenen, persönlichen Aussage. Allerdings bedeutet auf diese Weise zu arbeiten auch, dass man unweigerlich zum eigenen Hauptsponsor wird…

Die aktuelle Interpretation finden Sie hier: https://www.no2do.com/hexagramme/888887.htm

Dieser Post ist auch verfügbar auf: Englisch

09. Januar 2013 von kus
Kategorien: Hexagramme, Kun → Gen, Kun → Kun | Schlagwörter: , , , | Kommentare deaktiviert für 23 – die zersetzung