07 – das heer

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Drei Anfragen haben mich bisher um Hexagramm 07 – Das Heer erreicht:

  • Eine Nutzerin stellt dem I Ging die folgende Frage: „Was, welcher Gedanke, welche Einstellung unterstützt mich in meiner jetzigen Situation?“
    Die Nutzerin hat sich kürzlich von ihrem Mann getrennt, sie wollte wieder wachsen, sich weiterentwickeln, auch beruflich. Dass Kan (unteres Trigramm) nicht unbedingt negativ zu sehen ist, finden sie erhellend; zu ihrem Körper und zu ihrer eigen Intuition hat sie bereits eine gute Verbindung. Das Stillwerden bei Kun (oberes Trigramm) hingegen irritiert sie: sie ist eine „Macherin“, ist immer sehr aktiv. Vielleicht ist einfach mal hören / lauschen / sehen / fühlen / sein ein Programm, das sie auf lange Sicht noch stärker befähigt, aus ihrem Vollsten zu schöpfen?
  • Eine Nutzerin baut gerade ein zweites berufliches Standbein auf. Sie befragt das I Ging, was nun zu tun ist. Hexagramm 07 – Das Heer bestärkt sie darin, ihren Weg beharrlich fortzuführen, nicht zu weichen, auch nicht in Momenten der Trauer.
  • Eine Nutzerin fragt: „Wie komme ich aus meiner derzeitigen, schon lang anhaltenden Situation heraus? Ich lebe alleine und in einer finanziell eher angespannten Situation. Ich mag das Alleinsein zwar, bin viel in der Natur, einfach nur DA, aber dennoch fehlt mir eine bereichernde Beziehung bzw. Beziehungen. Manchmal empfinde ich es so, also würde ich nur so vor mich hinvegetieren, als würde der Fluss des Lebens an mir vorbeigehen. Und so schwanke ich zwischen ja es ist gut so wie es ist und meinem Wunsch nach Fülle und Reichtum auf allen Ebenen, also Liebe, Freunde, Geld.“

Ich habe dieser Tage – und gerade als mich diese letzte Anfrage der o. g. Liste erreicht – über den Aktualisierungsprozess unseres Selbst nachgedacht. Unser Selbst, das-was-wir-sind, ist ein dynamische Prozess, der sich beständig fortentwickelt, fortschreitet, „aktualisiert“, und dabei unsere Ziele, unsere Wünsche und Vorhaben mit den Realitäten des Lebens in Einklang bringt.

Diesen Selbstaktualisierungsprozess – ein Konzept das ursprünglich von Kurt Goldstein stammt und später von Carl Rogers aufgegriffen wurde – ist die Grundeigenschaft eines jeden lebendigen Organismus. Ich stelle mir diesen Aktualisierungsprozess ungefähr so vor wie einen kleinen Samen, der bereits im Stadium des Samens weiß, wohin seine Reise gehen wird. Er kennt seinen Plan, sein Ziel, und auch wenn er gerade erst keimt, gerade die ersten Keimblätter entfaltet, weiß er bereits, dass sein Weg in Richtung der mächtigen Eiche geht. Ob er dieses Ziel je erreichen wird, und wenn ja, in welcher Geschwindigkeit, hängt von vielen Faktoren ab. Aber die Richtung ist klar. Und wenn die Bedingungen günstig sind, wird er sein Ziel erreichen. So eine Zielvisionen existieren in allen lebendigen Organismen – auch in uns Menschen. Wir alle bewegen uns beständig voran.

Jetzt kann man diese Zielvision bzw. den Grad der Zielerreichung in materiellen Dingen fassen: Job, Haus, Auto, Reisen, Kinder etc. Wirklich interessant finde ich jedoch, darunter Persönlichkeitsentfaltung zu verstehen: wie sehr ist der Mensch zu dem Menschen geworden, der er oder sie wirklich ist?

Wenn wir noch einmal auf diesen kleinen Samen schauen, den Eichensamen, der gerade keimte: er beginnt seine Reise nicht mit leeren Händen, nein, er beginnt sie mit einer ganzen Menge Energie. Auch Menschen, Kinder kommen mit viel Energie in die Welt. Und die Frage ist nun: ist ihr Umfeld freundlich und dürfen sie diese Energie nutzen um sich selbst als Persönlichkeit zu entfalten? Oder ist ihr Umfeld schwierig und sie müssen viel von dieser Energie dafür einsetzen, sich selbst zu schützen und zu verteidigen?

So gesehen kann es sein, dass Menschen erwachsen werden, ohne je ihr volles Potential entfaltet zu haben – einfach weil die Umstände ihres Aufwachsens wenig förderlich, vielleicht sogar bedrückend, bedrängend waren, sodass sie viel ihrer Energie dafür nutzen mussten, in der kleinen Nische, die sie für sich fanden, einigermaßen unbeschädigt zu (über-)leben.

Aber wie gesagt: das Leben ist ein Prozess, Zeiten, Umstände ändern sich. Was passiert also mit Bäumen, die keimten, aber nie kraftvoll wachsen konnten, weil ihre Umgebung sie bedrängte, ihnen das Licht nahm? Die Bäumchen richten sich ein. Sie ducken sich. Sie vegetieren dahin. Und sie warten auf ihren Moment. Und wenn der kommt, dann wachsen sie.

Ich mag Carl Rogers. Er hat den Prozess der Persönlichkeitsentfaltung und seine Einzelaspekte sehr genau beschrieben. Auf die Frage, „Wonach streben Menschen, wenn sie sich in Freiheit entscheiden können?“, stellt er fest*:

  • weg von den Fassaden, d. h. weg von dem, was man nicht ist
  •  weg von dem „Eigentlich-Sollte-Ich“
  •  weg vom Erfüllen von Erwartungen
  •  weg davon, anderen zu gefallen
  •  hin zur Auswahl eigener Ziele und zur Übernahme der Verantwortung für sich und Ziele
  •  hin zu Vertrauen in den Prozess, in das Fließen, sogar Gefallen daran finden, ein fließender, unvorhersagbarer Prozess zu sein, ein ständiges Geboren-werden
  •  hin zum Gewahrsein der Komplexität, der Vielschichtigkeit der eigenen Empfindungen
  •  hin zu Erfahrungsoffenheit, zum Wahrnehmen der eigenen Gefühle, auch wenn sie vielleicht schmerzhaft, verdrängt waren
  •  hin zum Akzeptieren von anderen Menschen
  •  hin zum Vertrauen, dass das Weitergehen des eigenen, authentischen Weges an ein gutes Ziel führen wird
  •  hin zur Entscheidung, man selbst zu sein – statt einem scheinbar erfolgversprechenden Weg zu folgen, den Andere vorgelebt haben
  •  hin zu Selbstvertrauen: den Mut, wahrhaft und so tief man selbst zu sein, wie man nur sein kann, sich auf die einem einzige Weise auszudrücken.

*Quelle: C.R. Rogers, Entwicklung der Persönlichkeit: Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten, Stuttgart 2016. S. 164-182,

Die aktuelle Interpretation finden Sie hier: https://www.no2do.com/hexagramme/878888.htm

Dieser Post ist auch verfügbar auf: Englisch

09. Januar 2019 von kus
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