Kun, die Erde

Wofür steht Kun?

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Kun, die Erde

Um Kun zu beschreiben wird oft folgendes Bild gewählt: Ackerboden, in dem ein Sämling wächst. Ackerboden ist unstrukturierte Materie: ein Sämling findet im Ackerboden alles, was er zum Wachsen braucht; abgestorbene Pflanzen verwesen wiederum zu Ackerboden. Kun geht in seiner Bedeutung über unstrukturierte Materie (wie den Ackerboden) jedoch hinaus: Kun ist unstrukturiertes Potential an sich, umfasst also materielle und nicht-materielle Möglichkeiten.

Im Rahmen einer Hexagramminterpretation weist uns Kun auf den Ort hin, an dem wir uns hier und jetzt befinden und lädt uns ein, still zu werden und ihn als Quelle der Kraft zu nutzen. Wie eine Welle, die ins Meer, ihren Ursprung, zurückrollt, sich dort konzentriert und neue Kraft schöpft.

Nachfolgend einige Beschreibungen zu den Funktionskreisen Magen / Milz-Pankreas (siehe → Reihenfolge des späten Himmels: Magen und Milz-Pankreas werden mit Kun assoziiert) aus den Klassikern der Traditionellen Chinesischen Medizin. Die Zitate beziehen sich auf menschlich-körperliche Vorgänge und ihre Analogie zum Konzept Kun als unstrukturiertem Potential erschließt sich möglicherweise nicht sofort. Tatsächlich aber folgen unsere Verdauungsprozesse demselben Prinzip wie die Umwandlungsprozesse im Ackerboden.

  • Die Milz als Instanz der Assimilation und Integration von Fremdeinflüssen hat eine Vielzahl von Einflüssen zu verarbeiten… Nur in dem Maße, in dem sie integriert werden können, nähren sie uns. In dem Maße, in dem sie zurückgewiesen werden, entlasten sie uns. (2)
  • Die Milz beherrscht Umwandlung und Transport.
    Die Milz ist zuständig für den Stoffwechsel, also die Umwandlung körperfremder Energien in körpereigenes Substrat… (4)
  • Auf der geistig-emotionalen Ebene geschieht hier [im Magen] in dieser Assimilationsstufe die erste Vermengung eigener mit fremden, von außen kommenden Energien. Es ist der erste Kontakt, und es entscheidet sich hier, ob man etwas “mag” oder nicht, ob man sich überhaupt so intensiv mit jemandem/etwas beschäftigen will, dass man ihn/es in sich aufnehmen, sprich: herunterschlucken will. (5)

Alle Zitate mit ihren Quellen finden Sie unter → Funktionskreis Magen und Milz-Pankreas.

Woraus entwickelt sich Kun?

kun_entwicklungBei den Wandlungen innerhalb eines Hexagramms bildet Kun insofern eine Ausnahme, als es nur aus einem einzigen Trigramm hervorgehen kann: Wenn Zhen eine (durchbrochene) Yin-Linie hinzugefügt wird, entsteht daraus Kun (dunkler Pfeil; yin steht für Empfänglichkeit).

Kun entwickelt sich aus Zhen, dem Donner

Zhen symbolisiert den Urkeim einer neuen Handlung, den erste Schritt in eine neue Richtung. Mit Kun als nachfolgendem Zeichen trifft dieser Impuls auf unstrukturiertes Potential: fruchtbaren Grund, aus dem alles erwachsen kann.

Beispiele für Hexagramme, bei denen sich Kun aus Zhen entwickelt, finden Sie → hier.

Wohin entwickelt sich Kun?

kun_entwicklungAuch hier bildet Kun eine Ausnahme: Kun kann sich lediglich zu einem einzigen Trigramm weiterentwicklen. Gen entsteht, indem oben eine (durchgezogene) Yang-Linie angefügt wird (roter Pfeil; Yang symbolisiert Tatkraft, Aktivität).

Kun entwickelt sich zu Gen, dem Berg

Durch das Wachstum (Kun), bei dem aus unstrukturiertem Potential Konkretes entstanden ist, sind uns möglicherweise Dinge aufgefallen, die überflüssigen Ballast darstellen und unser Fortkommen erschweren. Wenn Gen sich aus Kun heraus entwickelt, können wir überflüssigen Ballast vertrauensvoll loslassen und die Schwerkraft der Erde wirken lassen. Auf diese Weise befreien wir nicht nur Muskeln und Sehnen, sondern unser ganzes Wesen.

Beispiele für Hexagramme, bei denen sich Kun zu Gen entwickelt, finden Sie → hier.

Referenz

Wandlungsphase (Element): Erde
Organsystem: MP, Ma

Moderne Deutung

Mitgefühl; Frieden, Stabilität, in sich ruhen, gestützt und gehalten sein; sich Dinge nutzbar machen; Bindungsfähigkeit und Hingabe; Selbstwertgefühl; das, was ist, annehmen

Traditionelle Deutung

Empfangend, sich hingebend, offen, formbar, dunkel, nährend, weich, anpassungsfähig, das gegebene annehmend, fruchtbar
Richtung: nach unten
Interpretation: höchstes Materieprinzip; ein unstrukturiertes, weites Feld für Einwirkung

Weiterlesen: die anderen Trigramme

Inhaltsverzeichnis

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