Lama Anagarika Govinda: Die innere Struktur des I-Ging

Die erstaunlichste Eigenschaft des Buches der Wandlungen besteht darin, daß es nicht nach dem Unwandelbaren und Ewigen sucht, d.h. nicht nach etwas, das dem menschlichen Wunsch nach Aufrechterhaltung seiner Identität in einer ständig sich verändernden oder vergänglichen Welt entspricht, sondern daß es den Wandel selbst zum Grundprinzip des Universums erklärt. Die Chinesen fielen nicht einem wunschgeborenen Denken zum Opfer, das das Menschsein zu einem Ausnahmefall erklärt, durch den die grundlegenden Gesetze des Weltalls negiert werden, in dem der Mensch als eine unveränderliche und ewige Einheit konzipiert wird, die sich von allen anderen Lebensformen unterscheidet. Sie nahmen vielmehr den Stier bei den Hörnern und entdeckten das Ewige im Wechsel, d.h. die Tatsache, daß Transformation keine willkürliche Veränderung oder Unbeständigkeit ist, sondern gesetzmäßiger Wandel. Die Entdeckung dieser Tatsache ist zugleich die Anerkennung jener Periodizität, die das Leben in allen seinen Formen beherrscht und daher geradezu als Ausdruck des Lebens selbst zu betrachten ist, wodurch sie im Gegensatz steht zu allem, was sich dem Wechsel entgegenstellt und so zum Tode führt. Denn wir sind alle sterblich, solange wir den Tod fürchten, sind aber unsterblich, sobald wir uns nicht mit den Grenzen unserer gegenwärtigen Persönlichkeit identifizieren und uns dem ewigen Rhythmus des Universums, in dem wir leben, hingeben.

Anagarika Govinda, Die innere Struktur des I-Ging; d. Buch d. Wandlungen (Freiburg im Breisgau: Aurum-Verl., 1983)

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28. Februar 2011 von kus
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