Funktionskreis Gallenblase (Gallenblasenmeridian)

Zhen ist wie eine Knospe in ihre Schutzhülle, die gerade im Aufbrechen begriffen ist.

Der Frühling regt sich, und damit kommt Keimen und Sprossen in die Natur. Das entspricht dem Morgen des Tages. Dieses Erwachen ist dem Zeichen des Erregenden, Zhen, zugeteilt das als Donner und elektrische Kraft aus der Erde hervorströmt. (1)

Zhen entspricht dem ersten Lebenszeichen nach dem großen Yin des Winters, es ist das Yang im Yin oder junges Yang (Shao Yang). Es ist Umwälzung in der Natur, in der alles erstarrte Leben plötzlich in Bewegung gerät. Die ersten Pflanzen schießen durch den Erdboden, die ersten Knospen öffnen sich… Die ganze Welt ist in Aufruhr, scheinbar konfus und doch einem inneren Plan folgend. (2)

Die Gallenblase ist der Beamte, der exakt und korrekt ist. Urteilskraft und Entscheidungsvermögen kommen von ihr. (3)

Alle elf Funktionskreise erhalten ihre Direktiven von der Gallenblase (4)

Es ist die Gallenblase, die entscheidet, was korrekt (Zheng) ist und den Kern einer Sache (Zhong) trifft. Hier wird die enge Beziehung zwischen Leber und Gallenblase besonders deutlich: Die Leber macht zwar die Pläne und entwickelt Strategien, aber erst die Gallenblase entscheidet über die korrekte Durchführung und vermittelt die Impulse an die Zielorgane. Sie ist der Yang Aspekt der Leber und ermöglicht die Kraftentfaltung des Generals…
Auch die übrigen Funktionskreise brauchen den Impuls von der Gallenblase: Der Herz-Kaiser geht zur Gallenblase und bekommt von ihr die Korrektheit seines (Nicht-)Tuns. Herz und Gallenblase stehen über die Organuhr in direkter Beziehung (Mitternacht-Mittag-Regel). Der Dünndarm braucht die Entscheidungshilfe der Gallenblase, um das Klare vom Trüben zu trennen und so seine Differenzierungsaufgaben zu erfüllen. Die Harnblase orientiert sich nach den Richtlinien der Gallenblase, die entscheidet, wie viel Flüssigkeit zurückgehalten und wie viel verdampft bzw. ausgeschieden werden, usw…
Die Gallenblase gibt unserem Leben, kraft ihres Urteils- und Entscheidungsvermögens, eine gute Richtung. Alles, was nicht korrekt (Zheng) ist, ist schlecht für unser Leben und macht uns krank. Die Geradläufigkeit unserer Energie (Zheng Qi) beschreibt die korrekte Funktion unserer Lebensäußerungen, besonders die Fähigkeit, krankmachende Einflüsse (Xie Qi) abzuwehren. (5)

Die drei Monate des Frühlings nennt man beginnende Aktivität und freie Entfaltung. Die Vereinigung von Himmel und Erde bringt neues Leben hervor. So können die zehntausend Dinge aufblühen und sich entwickeln. Man soll zur Nach ins Bett gehen und in der Morgendämmerung aufstehen. Man soll den Hof mit großen Schritten durchschreiten, die Haare gelöst und den Körper völlig entspannt, um so seinen Lebenswillen auszudrücken. Leben gebären und nicht töten, geben und nicht wegnehmen, belohnen und nicht bestrafen, dies ist der richtige Weg , um in Einklang mit der Energie des Frühlings zu leben. Wer sich entgegen diesen Einflüssen verhält, wird seine Leber schädigen. Er wird im Sommer Kältekrankheiten bekommen, da zu wenig Energie für die Phase des Wachstums geblieben ist. (6)

Während die Leber als der große Stratege, der Heerführer unter den Speicherorganen bezeichnet wird und für die weitreichende Planung zuständig ist, hat die Gallenblase die Funktion eines Taktikers, der der augenblicklichen  Situation entsprechende Anweisungen gibt, sprich: Entscheidungen fällt. Sie ist der Taktgeber im Zusammenspiel sämtlicher Funktionen des Menschen, sie gibt die Impulse, setzt Bewegung in Gang. (7)

(1) Richard Wilhelm, I Ging. Das Buch der Wandlungen, 1923
(2) Udo Lorenzen, Die Wandlungsphasen der traditionellen chinesischen Medizin, Bd. Holz, 2nd Aufl.,  München: Müller und Steinicke, 2002; S. 9
(3) Aus dem Huáng Dì Nèi Jīng Sù Wèn (ca. 2698-2598 v. Chr.), Kap. 8
(4) Aus dem Huáng Dì Nèi Jīng Sù Wèn (ca. 2698-2598 v. Chr.), Kap. 9
(5) Udo Lorenzen, Die Wandlungsphasen der traditionellen chinesischen Medizin, Bd. Holz, 2nd Aufl.,  München: Müller und Steinicke, 2002; S. 27/28
(6) Aus dem Huáng Dì Nèi Jīng Sù Wèn (ca. 2698-2598 v. Chr.), Kap. 2
(7) Udo Lorenzen, Die Wandlungsphasen der traditionellen chinesischen Medizin, Bd. Holz, 2nd Aufl.,  München: Müller und Steinicke, 2002; S. 273

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19. Mai 2011 von kus
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