Wandlungsphase Holz

Holz ist eine der fünf Wandlungsphasen der Fünf-Elemente-Lehre (Wu Xing), die die Gesetzmäßigkeiten von Naturphänomenen beschreibt. Zur praktischen Anwendung kommt diese Theorie z. B. in der Akupunktur.

Wandlungsphase Holz | Meridiane | Pulsqualität

Holz bedeutet, wie ein Baum tief in der Erde verwurzelt zu sein und dem Himmel – dem Feuer und somit dem absoluten Yang – entgegenzustreben.
Das Holz im Menschen garantiert den freien und kraftvollen Fluss der Energie. Es lässt den Menschen nach außen schreiten, sich nach außen hin öffnen mit seinen Augen, es lässt etwas erblicken und die Umwelt erfassen, und dann erschließen mit Hilfe der Muskeln und Sehnen. Lorenzen 1994, 216-217

Die Wandlungsphase Holz gibt dem Menschen die Impulse, die ihn in die Lage versetzen, sich in die Außenwelt auszudehnen. Im Holz verlässt das Individuum quasi seinen Standort, seine ureigene Basis. Er bewegt sich, gebraucht seine Muskeln und Sehnen, er erblickt seine Umwelt und geht auf sie in jeder Hinsicht zu. Das Holz beschreitet den Weg, vom Ich zu den Anderen. Verschiedene Mechanismen hindern ihn daran, blockieren seine Lebenskraft, halten sie im Inneren fest und sorgen so immer wieder für Störungen in der Zirkulation des Qi.
Da ist zu einen das Metall zu nennen, welches in einer unzureichenden Flexibilität dem Entfaltungsstreben des Individuums nicht den angemessenen Freiraum bieten kann. Dogmen, Gewohnheiten können dabei ebenso eine Rolle spielen, wie eine Schädigung des Metall durch Verlustereignisse (s. Band 2, die Wandlungsphase Metall) Lorenzen 2002, 185

Meridiane und Pulsqualität

Der Wandlungsphase Holz sind zwei Meridiane zugeordnet: Leber (Le) und Gallenblase (Gb). Nachfolgend einige Zitate.

Funktionskreis Leber (Lebermeridian)

Dann kommt die linde Luft, die die Pflanzenwelt erneuert und die Erde mit Grün kleidet. Dies entspricht dem Zeichen des Sanften, Eindringenden, [dem Trigramm] Sun. Sun hat als Bild sowohl den Wind, der das starre Eis des Winters auflöst, als auch das Holz, das organisch sich entwickelt. Die Wirkung dieses Zeichens ist, dass die Dinge in ihren Formen sozusagen einströmen, sich entwickeln und auswachsen zu dem, was im Keim als Form vorgebildet ist. Wilhelm 1989

Die Leber ist der Beamte, der mit einem General der vereinten Streitkräfte vergleichbar ist. Strategische Einschätzung und Planung stammen von ihr. Huangdi Neijing Suwen, Kap. 8

Unter Berücksichtigung aller Faktoren entscheidet er über den Krafteinsatz […] Das Sinnesorgan […] ist das Auge, und das nicht nur in physiologischer Hinsicht […]
Die Leber Gan ist diejenige Instanz, die den Menschen als zunächst isoliertes Einzelwesen in den Kontakt mit der Umwelt bringt. Sie ist es, die in der Wandlungsphase Holz in jeder Beziehung – auf der körperlichen, geistigen und emotionalen Ebene – die Expansion ebenso garantieren muss wie den Rückzug, das Wachsein wie den Schlaf, die Aktivität wie die Passivität – aber jeweils angepasst an die jeweiligen äußeren Bedingungen und an die Widerstände, auf die zu stoßen jeder Mensch eigentlich gefasst sein sollte, wenn er seinen Standort (sic!) in der Wandlungsphase Wasser verlässt. Diese Adaptionsfähigkeit herzustellen ist die entscheidende Qualität der Leber in allen ihren Bereichen.
Da die Umwelt nicht immer gleichmäßig auf das Individuum einwirkt, dieselbe aber nur sehr selten sich nach dem Willen des Einzelnen richtet, ist der Mensch gezwungen, flexibel und geschmeidig zu reagieren. In der Anpassung an die wechselnden Bedingungen der Umwelt liegt die Stärke des Menschen gegenüber anderen Lebensformen […] flexibel „wie ein Bambus“ auf diese jederzeit möglichen Widrigkeiten reagieren kann: Stark und hart die Richtung des Wachstums beibehalten, schnell dem Licht entgegen streben, aber sich dem Winde beugen, um danach in die einmal gewählte Richtung weiter zu wachsen.
Die Leber sorgt nun dafür, dass nicht nur in dem Wachstum nach außen die gleichmäßige Dynamik aufrechterhalten wird, sondern auch innerhalb des energetischen Systems des Menschen. Lorenzen 2002, 212-213

Die Niere – und mit ihr die Wandlungsphase Wasser – speichert das Grundsätzliche, das Wesentliche, Stabile und Generationen überdauernde unseres individuellen Daseins. In ihr ruht die Weisheit, welche das Resümee des Lebens und jahrzehntelanger Erfahrungen und Willenskraft ist. Sie übernimmt die Initiierung von Aktion, die von der gebildeten persönlichen Festigkeit ausgeht.
Der Wille nimmt allmählich Gestalt an, mit der inneren Phantasie wird mit dem farbigen Pinsel der Hun-Seele das Bild der realisierten Vorstellung gemalt. Ideen werden fassbar, beschreibbar, sie werden immer konkreter und ufern dann in den Plänen zu konkreten Abfolge der erforderlichen Operationen. So wie der Feldherr weitläufige Überlegungen anstellt, um nicht nur den konkreten Feldzug aus seiner Sicht, aus allen seinen Kräften einkalkuliert, sollte sich auch eine kräftige, harmonische Leber als „großer Stratege“ entpuppen. Wie beim Schachspiel gilt es einzuplanen, wie der nächste Zug des Gegners sein könnte. Lorenzen 2002, 227

Wenn wir eine Vision haben, dann werfen wir einen Blick in die Zukunft. […] Die Vision der Leber gibt Hoffnung auf  eine Zukunft, weil wir dort unsere Ziele realisiert sehen. Im Huangdi Neijing heißt es, dass die Leber der Meisterplaner ist. […] Aus ihrer Zukunftsvision ergeben sich die Einschätzung der gegenwärtigen Lage und die weiteren Planungen.  Die Leber möchte ihre Pläne in die Tat umzusetzen […], ohne dabei blockiert oder behindert zu werden. Kaatz 2005, 217

Funktionskreis Gallenblase (Gallenblasenmeridian)

Zhen ist wie eine Knospe in ihre Schutzhülle, die gerade im Aufbrechen begriffen ist.

Der Frühling regt sich, und damit kommt Keimen und Sprossen in die Natur. Das entspricht dem Morgen des Tages. Dieses Erwachen ist dem Zeichen des Erregenden, Zhen, zugeteilt das als Donner und elektrische Kraft aus der Erde hervorströmt. Wilhelm 1989

Zhen entspricht dem ersten Lebenszeichen nach dem großen Yin des Winters, es ist das Yang im Yin oder junges Yang (Shao Yang). Es ist Umwälzung in der Natur, in der alles erstarrte Leben plötzlich in Bewegung gerät. Die ersten Pflanzen schießen durch den Erdboden, die ersten Knospen öffnen sich[. …] Die ganze Welt ist in Aufruhr, scheinbar konfus und doch einem inneren Plan folgend. Lorenzen 2002, 9

Die Gallenblase ist der Beamte, der exakt und korrekt ist. Urteilskraft und Entscheidungsvermögen kommen von ihr. Huangdi Neijing Suwen, Kap. 8

Alle elf Funktionskreise erhalten ihre Direktiven von der Gallenblase. Huangdi Neijing Suwen, Kap. 9

Es ist die Gallenblase, die entscheidet, was korrekt (Zheng) ist und den Kern einer Sache (Zhong) trifft. Hier wird die enge Beziehung zwischen Leber und Gallenblase besonders deutlich: Die Leber macht zwar die Pläne und entwickelt Strategien, aber erst die Gallenblase entscheidet über die korrekte Durchführung und vermittelt die Impulse an die Zielorgane. Sie ist der Yang Aspekt der Leber und ermöglicht die Kraftentfaltung des Generals[. …]
Auch die übrigen Funktionskreise brauchen den Impuls von der Gallenblase: Der Herz-Kaiser geht zur Gallenblase und bekommt von ihr die Korrektheit seines (Nicht-)Tuns. Herz und Gallenblase stehen über die Organuhr in direkter Beziehung (Mitternacht-Mittag-Regel). Der Dünndarm braucht die Entscheidungshilfe der Gallenblase, um das Klare vom Trüben zu trennen und so seine Differenzierungsaufgaben zu erfüllen. Die Harnblase orientiert sich nach den Richtlinien der Gallenblase, die entscheidet, wie viel Flüssigkeit zurückgehalten und wie viel verdampft bzw. ausgeschieden werden, usw[. …]
Die Gallenblase gibt unserem Leben, kraft ihres Urteils- und Entscheidungsvermögens, eine gute Richtung. Alles, was nicht korrekt (Zheng) ist, ist schlecht für unser Leben und macht uns krank. Die Geradläufigkeit unserer Energie (Zheng Qi) beschreibt die korrekte Funktion unserer Lebensäußerungen, besonders die Fähigkeit, krankmachende Einflüsse (Xie Qi) abzuwehren. Lorenzen 2002, 27-28

Die drei Monate des Frühlings nennt man beginnende Aktivität und freie Entfaltung. Die Vereinigung von Himmel und Erde bringt neues Leben hervor. So können die zehntausend Dinge aufblühen und sich entwickeln. Man soll zur Nach ins Bett gehen und in der Morgendämmerung aufstehen. Man soll den Hof mit großen Schritten durchschreiten, die Haare gelöst und den Körper völlig entspannt, um so seinen Lebenswillen auszudrücken. Leben gebären und nicht töten, geben und nicht wegnehmen, belohnen und nicht bestrafen, dies ist der richtige Weg , um in Einklang mit der Energie des Frühlings zu leben. Wer sich entgegen diesen Einflüssen verhält, wird seine Leber schädigen. Er wird im Sommer Kältekrankheiten bekommen, da zu wenig Energie für die Phase des Wachstums geblieben ist. Huangdi Neijing Suwen, Kap. 2

Während die Leber als der große Stratege, der Heerführer unter den Speicherorganen bezeichnet wird und für die weitreichende Planung zuständig ist, hat die Gallenblase die Funktion eines Taktikers, der der augenblicklichen Situation entsprechende Anweisungen gibt, sprich: Entscheidungen fällt. Sie ist der Taktgeber im Zusammenspiel sämtlicher Funktionen des Menschen, sie gibt die Impulse, setzt Bewegung in Gang. Lorenzen 2002, 273

Die Gallenblase ist verantwortlich für Hunderte von Entscheidungen, die alle Aktivitäten des Körpers steuern. Sie tut dies mit Flexibilität, Zielgerichtetheit, Zielstrebigkeit und Kraft. Sie ist wie der Bambus, der sich im Sturm zu beugen weiß. […] Diese Fähigkeit voranzuschreiten, egal wie die Umstände sind, das ist die Funktion der Gallenblase. Kaatz 2005, 171

Pulsqualität Holz

Zur Wandlungsphase Holz gehört als Pulsqualität Xian Mai, der saitenförmige Puls. Im Huáng Dì Nèi Jīng wird die Pulsqualität des Holzes als drahtig und voll beschrieben.

Dieser Puls fühlt sich an wie eine Bogensehne, die gespannt ist, um einen Pfeil abzuschießen. Er ist dünn, elastisch und federnd wie die Saite einer Laute. Lorenzen 2002, 120

Der Xian Mai ist Yang. Wenn man ihn unter dem Finger sucht, ist er nicht ausreichend, wenn man mit dem Druck nachlässt, zeigt er Überfluss. Er ist von Gestalt wie eine Lautensaite, von Zeit zu Zeit wie ein Gürtel. Mai Jue, zitiert nach Lorenzen 2002

Ein saitenförmiger Puls im Frühling entsteht deshalb, weil die Leber dem Osten und dem Holz entspricht. In dieser Zeit kommen alle Dinge ins Leben. Ebenso wie ein Baum noch keine Blätter hat, so hat auch dieser Puls noch die Merkmale des Leichten, Weichen und Wachsenden. Deshalb nennt man ihn saitenförmig.
Der saitenförmige Puls ist der Puls des Frühlings. Nan Jing, zitiert nach Lorenzen 2002

Quellenverzeichnis
Kaatz, Debra. 2005. Characters of Wisdom: Taoist Tales of the Acupuncture Points. The Petite Bergerie Press.
Lorenzen, Udo. 2002. Die Wandlungsphasen Der Traditionellen Chinesischen Medizin: Holz. 1 Holz. München: Müller und Steinicke.
Lorenzen, Udo. 1994. Die Wandlungsphasen Der Traditionellen Chinesischen Medizin: Metall. 2 Metall. München: Müller & Steinicke.
Wilhelm, Richard. 1989. I Ching or Book of Changes. Harmondsworth: Penguin.

 

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